Das wichtigste Werkzeug für den Steuerraub
war eine Excel-Tabelle. Erstellt hat sie Martin S., 41 Jahre alt, britischer
Mathematiker. In diversen Tabellenblättern sind darin die Anzahl der Aktien,
ihre jeweiligen Kurse, die Handelspartner und die Formeln enthalten, nach denen die Cum-Ex-Deals
ablaufen sollten, die Martin S. und seine Partner eingefädelt hatten. Von
Geschäft zu Geschäft verfeinerten sie die Tabelle. Insgesamt 447,5 Millionen
Euro sollen sie so zwischen 2006 und 2011 aus der deutschen Steuerkasse geraubt haben.
Von diesem Mittwoch an muss sich Martin S.
dafür vor dem Landgericht Bonn verantworten. Und diese Tabelle, sein
wichtigstes Werkzeug, wird ein zentrales Beweismittel der Anklage sein. Es ist
der europaweit erste Strafprozess, in dem die Machenschaften der Cum-Ex-Jongleure
aufgedeckt werden soll.
Martin S., das sagt ein Londoner
Aktienhändler, der ihn gut kennt, sei "einer der besten Mathematiker, die
England je hervorgebracht hat". Einer, so lautet die Anklage, der seine
Fähigkeiten dazu einsetzte, besonders schwere Steuerhinterziehung in 33 Fällen
zu begehen. Wenn der Vorsitzende Richter Roland Zickler an diesem
Mittwoch in Bonn den Prozess eröffnet, sitzt ihm auf der Anklagebank also eine
Art Chefingenieur der mutmaßlichen Steuerräuber gegenüber.
Martin S. ist ein smarter, humorvoller
Mann, ein echter Teamspieler. So erzählt es ein Kollege, der lange mit ihm
zusammenarbeitete. Und er ist hoch intelligent. Der 41-Jährige stammt aus
Nordirland. Schon als Schüler wurde er mehrfach wegen außerordentlicher
Leistungen ausgezeichnet, machte seinen Schulabschluss mit Bestnote und
studierte in Oxford Ingenieurswesen und Betriebswirtschaft. Ein Insider aus dem
Kreis der Steuerräuber erinnert sich an ein Telefongespräch mit Martin S. Der
habe ihm eine Handelstabelle erklärt. "Ich war sehr beeindruckt von dem
Tiefgang seiner Kenntnisse (...)."
Nach dem Studium arbeitete Martin S.
zunächst als Ingenieur. Doch das Geld lockte ihn ins Bankwesen, wo er mehr als
das Doppelte seines Ingenieurgehalts bekam – und weit mehr, als seine Eltern je
verdient hatten. Er begann bei Merrill Lynch, einer der größten
Investmentbanken der Welt. Die Kultur dort galt Anfang der Nullerjahre als
besonders risikofreudig. Einige Händler der Bank wussten sehr genau, wie man
geschickt in Steuerkassen greifen konnte. So beschreibt es ein Whistleblower,
der sich später wegen der zweifelhaften Geschäfte an die amerikanische
Börsenaufsicht SEC wandte.
Geschäft perfektioniert
Diese Händler betrieben sogenannte
steuergetriebene Aktiengeschäfte, im Bankjargon "Dividendenarbitrage"
genannt. Es gibt sie in unzähligen Varianten. Allen gemein ist, dass binnen
weniger Tage riesige Aktienpakete derart häufig hin- und hergeschoben werden,
dass es kaum möglich ist, ihren Ursprung auszumachen. Danach lassen sich die
Beteiligten die Kapitalertragsteuer auf Dividenden erstatten, die ihnen eigentlich
nicht zustehen. Bei Cum-Ex-Geschäften wird diese Steuer sogar doppelt oder dreifach
oder noch öfter vom Fiskus zurückgefordert.
Bei Merrill Lynch lernte Martin S. Paul Mora kennen, mit dem er das Cum-Ex-Geschäft später perfektionieren sollte. Die
Kölner Oberstaatsanwältin Anne Brorhilker, die die umfassendsten
Cum-Ex-Ermittlungen in Deutschland leitet, führt Mora als gesondert
Beschuldigten. Angeblich hält er sich in Neuseeland auf und meidet
Europa.
Nachdem Mora zum Londoner Ableger der
bayerischen HypoVereinsbank (HVB) gewechselt war, bot er Martin S. 2004 dort
einen Job an. S., der sich gekränkt fühlte von Merrill Lynch, die gerade einen Absolventen
eingestellt hatten und diesem mehr Gehalt zahlten als Martin S., nahm das
Angebot an. Mora war bei der HVB Chef der Eigenhandelsabteilung und machte den
Handel mit der Kapitalertragsteuer, also den Griff in die Staatskasse, zum
Kerngeschäft. Martin S. sollte die Deals organisieren und abwickeln.
Vier Jahre später machten sich die beiden
Männer selbstständig. So war zum einen noch mehr Geld zu verdienen. Zudem
unterlagen sie nicht mehr dem Zwang, sich vor in der Finanzkrise nervös
gewordenen Rechts- und Steuerabteilungen rechtfertigen zu müssen. Mora und
Martin S. gründeten Ballance Capital, ein Konglomerat aus vielen einzelnen
Gesellschaften, die ihren Sitz in Großbritannien, auf den Kaimaninseln,
Gibraltar oder den britischen Jungferninseln haben. Von Gibraltar aus fädelten
sie ihre eigenen Deals ein, ihr erster großer Kunde war laut Anklage die
Hamburger Privatbank M.M. Warburg. Später arbeite Ballance auch mit der
Deutschen Bank zusammen.
Wenn Martin S. der Ingenieur hinter den
komplexen Deals war, dann war der ebenfalls angeklagte Nicholas D. der Handwerker:
in England geboren, in Australien aufgewachsen, ein Mann, der nach der
Highschool mit 17 Jahren bei einer australischen Bank als Bürobote anfing und
sich bis zum Sachbearbeiter hocharbeitete. Doch Nicholas D. wollte mehr, wollte
so werden wie sein Onkel, ein Börsenmakler. Weil er in Australien keine Chance
sah, in den Wertpapierhandel einzusteigen, ging er nach London, zunächst zur
amerikanischen Investmentbank Cantor Fitzgerald. Dort wickelte er Geschäfte ab,
die andere Händler gemacht hatten. Wohl fühlte er sich jedoch nicht und
wechselte 2001 zum Investment-Arm der Schweizer Credit Suisse. Dort lernte er
Paul Mora kennen, der für ihn eine Art Mentor wurde und ihn wenig später
ebenfalls zur HVB holte. Für Mora und Martin S. wickelte Nicholas D. dort jene
Wertpapierkäufe ab, die sie mithilfe der Tabelle geplant hatten. 2010 folgte er
den beiden Männern schließlich zu Ballance Capital.
Das wichtigste Werkzeug für den Steuerraub
war eine Excel-Tabelle. Erstellt hat sie Martin S., 41 Jahre alt, britischer
Mathematiker. In diversen Tabellenblättern sind darin die Anzahl der Aktien,
ihre jeweiligen Kurse, die Handelspartner und die Formeln enthalten, nach denen die Cum-Ex-Deals
ablaufen sollten, die Martin S. und seine Partner eingefädelt hatten. Von
Geschäft zu Geschäft verfeinerten sie die Tabelle. Insgesamt 447,5 Millionen
Euro sollen sie so zwischen 2006 und 2011 aus der deutschen Steuerkasse geraubt haben.