Giovanni Peri ist Professor für Ökonomie an der University of California in Davis. Wer ihn dort besucht, fährt durch die fruchtbare Ebene Kaliforniens, vorbei an Tomaten-, Wein- und Mandelplantagen, auf denen genau die Menschen arbeiten, über die Peri forscht: Einwanderer. Peri, gebürtiger Italiener, zählt zu den renommiertesten Migrationsforschern der Welt. Sein Blick ist geprägt von der Analyse unzähliger empirischer Datenreihen – und von seiner eigenen Einwandererbiografie.

ZEIT ONLINE: Herr Peri, ganz Deutschland schaut gerade auf zwei Bundesländer im Osten. Dort wird am Sonntag gewählt und die AfD könnte erstmals stärkste Partei werden.

Giovanni Peri: Wow, ich habe den Aufstieg der AfD natürlich verfolgt, aber dass sie mittlerweile Wahlen gewinnen kann, war mir nicht klar. Was sind das für Bundesländer?

ZEIT ONLINE: Sachsen und Brandenburg. Zwei Länder, denen es wirtschaftlich gerade ziemlich gut geht. Im Vergleich zum Westen verdienen die Menschen aber schlecht, und viele haben lange Phasen der Arbeitslosigkeit hinter sich. Ein zentrales Argument der AfD ist, dass der Zuzug von Flüchtlingen und Migranten zu viel kostet und die ohnehin mageren Löhne drückt. Sie sind Migrationsökonom. Sie erforschen seit Jahren, wie Einwandererinnen und Einwanderer die Wirtschaft eines Landes verändern. Halten Sie die Sorge der AfD für berechtigt?

Giovanni Peri ist Migrations- und Arbeitsmarktökonom. Er ist Professor an der University of California in Davis und leitet dort das Migration Research Cluster.

Peri: Das ist eine weitverbreitete Angst. Sie begegnet einem nicht nur bei der AfD in Ostdeutschland, sondern in allen Industrieländern. Auf den ersten Blick erscheint sie auch plausibel: Wenn Einwanderer kommen, steigt das Angebot an Arbeitskräften, die einheimischen Arbeiter bekommen Konkurrenz. Man könnte jetzt annehmen, dass die Arbeitgeber diese Konkurrenz ausnutzen, dass sie die Löhne senken oder die einheimischen Arbeiter einfach durch Migranten ersetzen.

ZEIT ONLINE: Aber das ist ein Trugschluss?

Peri: Ja. Diese Angst ist in den allermeisten Fällen unbegründet.

ZEIT ONLINE: Warum?

Peri: Weil die ökonomischen Effekte von Einwanderung viel komplexer sind. Zum Beispiel bringen Einwanderer ja nicht nur ihre Arbeitskraft mit, sondern auch Kaufkraft. Sie geben Geld aus.

ZEIT ONLINE: In vielen Fällen aber kein selbst verdientes Geld, sondern Sozialleistungen vom Staat.

Peri: Das ist in diesem Zusammenhang unerheblich. Interessant ist, dass sie konsumieren, dass sie einkaufen und dadurch die Nachfrage nach Waren steigern. Um mehr zu verkaufen, braucht es mehr Verkäufer. Einwanderer erhöhen also einerseits das Angebot an Arbeitskräften, schaffen andererseits aber auch neue Jobs. Ob sie den Lohn oder die Jobs der einheimischen Arbeitnehmer gefährden, hängt von der Balance dieser beiden Effekte ab. Deshalb schauen sich Ökonomen auf der ganzen Welt diese Effekte seit vielen Jahren sehr genau an.

ZEIT ONLINE: Mit welchem Ergebnis?

Peri: Die meisten kommen zu dem Schluss, dass die Einwanderung keinen oder nur einen sehr geringen Einfluss hat. Und einige Studien deuten darauf hin, dass sie sogar vorteilhaft sein kann.

ZEIT ONLINE: Warum?

Peri: In einer wachsenden Volkswirtschaft sind Einwanderungsschübe oft ein Anreiz für einheimische Unternehmer, neue Arbeitsplätze zu schaffen. Stellen Sie sich vor, Sie sind Bauunternehmer in München und wollen eine neue Firma gründen. Das dürfte schwierig werden, weil es auf dem bayerischen Arbeitsmarkt kaum Bauarbeiter gibt. Wenn nun aber geeignete Arbeitskräfte aus dem Ausland kämen, könnten Sie die Firma trotzdem gründen.

ZEIT ONLINE: Für welche Branchen trifft das zu?

Peri: Dasselbe gilt für die vielen Restaurants und Hotels, die nach Kellnern, Tellerwäschern oder Putzkräften suchen. Man glaubt ja immer, die Arbeitskräfte würden den Firmen hinterherrennen, aber oft ist das Gegenteil der Fall. In extremer Form kann man das hier in Kalifornien beobachten. Bestimmte Hightech-Firmen kann man nur im Silicon Valley gründen, weil es nur hier die nötigen hoch spezialisierten Ingenieure gibt.

"Ohne Bauarbeiter nützt der Buchhalter nichts"

ZEIT ONLINE: Die meisten Menschen, die in den letzten Jahren nach Deutschland kamen, sind keine hoch spezialisierten Ingenieurinnen. Manche können nicht einmal lesen und schreiben.

Peri: Das mag sein, aber die deutsche Wirtschaft braucht nicht nur Spezialisten, sondern auch Geringqualifizierte. Und an den Jobs der Geringqualifizierten hängen andere, besser bezahlte Jobs, die auch für deutsche Arbeitnehmer attraktiv sind. Der Bauunternehmer braucht für seine Filiale in München ja nicht nur Bauarbeiter, sondern auch einen Buchhalter, eine Sekretärin, einen Manager. Aber ohne Bauarbeiter nützt ihm der Buchhalter nichts.

ZEIT ONLINE: Gilt das auch für Brandenburg und Sachsen?

Peri: Ja. Suchen wir uns ein Beispiel, irgendeinen schlecht bezahlten Job, für den man keine besondere Ausbildung braucht.

ZEIT ONLINE: Ein Erntejob auf einem Erdbeerfeld in Brandenburg.

Peri: Unter den brandenburgischen Arbeitnehmern, auch unter den schlecht ausgebildeten, werden Sie nur sehr wenige finden, die bereit sind, Erdbeeren zu pflücken. Aber wahrscheinlich finden Sie jede Menge Polen und Rumänen. In den USA ist es ähnlich, hier kommen 90 Prozent der Erntehelfer aus Mexiko. Einwanderer konkurrieren mit den einheimischen Arbeitskräften nicht zwangsläufig um dieselben Jobs. Aber ihre Jobs hängen oft voneinander ab. Der Gastronom aus Berlin, der ein Restaurant für regionale Bioprodukte eröffnen will, ist auf den rumänischen Erntehelfer angewiesen.