ZEIT ONLINE: Angenommen, es gäbe den rumänischen Erntehelfer nicht: Würde das nicht einfach dazu führen, dass der Erdbeerbauer seinen Angestellten einen besseren Lohn zahlt? Dass einige Jobs so mies bezahlt sind, liegt doch auch daran, dass es genug Migranten gibt, die bereit sind, für wenig Geld zu arbeiten.

Peri: Nein, so einfach ist es nicht. Einige Jobs, vor allem in der Landwirtschaft und der Fleischverarbeitung, sind immer schon extrem schlecht bezahlt, und es gibt dafür einen einfachen Grund: Agrarprodukte kann man leicht importieren. Bekämen die Erntehelfer deutlich mehr Geld, würde es sich nicht mehr lohnen, die Erdbeeren in Deutschland anzubauen. Man würde sie importieren. So gesehen können deutsche Arbeitnehmer froh sein, dass es Einwanderer gibt, die für wenig Geld arbeiten.

ZEIT ONLINE: Migranten verhindern also, dass deutsche Jobs ins Ausland abwandern?

Peri: Nicht nur das. Sie federn auch die Härten der Automatisierung ab. Wenn ein Bauer keine billigen Erntehelfer findet, wird er eher in eine teure Erntemaschine investieren. Und vielleicht auch in eine neue, genetisch veränderte Tomatensorte, deren Schale so hart ist, dass sie von der Erntemaschine nicht zerquetscht wird. Auf lange Sicht werden in Europa die meisten Landwirtschaftsjobs der Technologie zum Opfer fallen. Einwanderer sorgen aber dafür, dass sie noch etwas länger erhalten bleiben.

ZEIT ONLINE: Lassen Sie uns trotzdem noch einmal auf die deutschen Arbeiterinnen und Arbeiter blicken, die sich von Flüchtlingen oder Migrantinnen bedroht fühlen. Die bilden sich ihre Angst ja nicht ein. Ich kenne eine Frau, deren Chef sagte, er werde sie durch einen Flüchtling ersetzen, wenn sie nicht schneller arbeite. Ich kenne Gewerkschafter, die sich seit Jahren um bulgarische und rumänische Migranten kümmern, die von deutschen Bau- und Reinigungsfirmen zu skandalös niedrigen Löhnen beschäftigt werden.  

Peri: Ich leugne nicht, dass es diese Probleme gibt. Aber unter dem Strich sind sie nicht besonders bedeutsam. Dass einige deutsche Arbeitnehmer so extrem unter Druck stehen, hat andere Gründe. Vielleicht hilft es, wenn wir an dieser Stelle den Horizont ein wenig erweitern.

ZEIT ONLINE: Gern.

Peri: Vielen Arbeitern in den USA und Europa geht es schon seit zwei, drei Jahrzehnten nicht besonders gut. Ihre Löhne sind kaum gestiegen, ihre Jobs sind in Gefahr. Das liegt im Wesentlichen an zwei großen Entwicklungen, über die wir eben schon gesprochen haben: die Automatisierung von Arbeit und die Verlagerung von Arbeitsplätzen ins Ausland, vor allem nach Asien. Betroffen sind davon vor allem klassische Fabrikarbeiter, aber auch einfache Angestellte, etwa in Versicherungs- oder Reisebüros. Die, deren Jobs von der Digitalisierung und vom Internet einfach weggefegt wurden.

"Es ist einfacher, die Lage auf den polnischen Kollegen zu schieben"

ZEIT ONLINE: Was macht Sie so sicher, dass die Einwanderung keine Rolle spielt?

Peri: Die Datenlage. Nur ein Beispiel: Großbritannien war eines der wenigen EU-Länder, das den Osteuropäern unmittelbar nach der EU-Ost-Erweiterung den Eintritt in seinen Arbeitsmarkt erlaubt hat. Damals kamen sehr viele Polen nach Großbritannien. Wenn man die Daten mit anderen EU-Staaten vergleicht, erkennt man, dass die Einwanderung der Polen kaum einen Effekt auf die Arbeitslosigkeit und die Löhne der Briten hatte. Das heißt nicht, dass es den britischen Arbeitern gutging. Aber es ging den Arbeitern in ganz Europa nicht gut.

ZEIT ONLINE: Trotzdem haben viele Briten auf die Polen geschimpft.

Peri: Es ist politisch und psychologisch ja auch viel einfacher, die schlechte Lage auf den polnischen Kollegen zu schieben, der neben mir am Fließband steht, als auf so etwas Abstraktes wie den digitalen Wandel oder die Globalisierung. Genau das machen sich Anti-Einwanderungsparteien wie die AfD zunutze. Sie haben keine Lösung für das tatsächliche Problem, aber sie führen einen Schuldigen vor. Das lenkt davon ab, wie schwer es für Politiker ist, auf diese großen ökonomischen Trends eine gute Antwort zu finden. Was sollen sie auch tun: den technologischen Fortschritt zurückdrehen? Zölle und Steuern erhöhen? Das würde auf kurze Sicht vielleicht ein paar Jobs retten, aber auch das Wirtschaftswachstum schwächen.

ZEIT ONLINE: Ein anderes Problem, auf das Politikerinnen und Politiker oft keine Antwort finden, ist der demografische Wandel. In ihrem Wahlprogramm für Brandenburg schreibt die AfD, die Überalterung und der Mangel an jungen Arbeitskräften seien "das größte Risiko" für den Wohlstand des Landes. Und sie liefert ein paar Vorschläge, wie man es in den Griff bekommen könnte – und zwar, ohne Migranten ins Land zu lassen.

Peri: Ich bin gespannt.

ZEIT ONLINE: Die AfD will zum Beispiel ausgewanderte Deutsche zurückholen und hoch qualifizierten Deutschen mehr Anreize bieten, im Land zu bleiben.

Peri: Das ist keine schlechte Idee. Mir ist aber nicht klar, wie die AfD es schaffen will, dass diese Anreize nur auf deutsche und nicht auch auf polnische oder syrische Hochqualifizierte wirken.