Wann immer vor dem ökonomischen Schaden des Brexits gewarnt wird, winken die Austrittshardliner ab: "Pure Angstmacherei", heißt es dann. Seit der Volksabstimmung vom Juni 2016 tun sie die Warnungen von Industrie und Handel stets als "Projekt Angst" ab. Nun aber verstummt das Gelächter, denn es zeigt sich: Das politische Chaos der Regierung von Theresa May vom März dieses Jahres und die Sorge vor einem ungeregelten Austritt Großbritanniens aus der EU schwächen die Wirtschaft.

Im zweiten Quartal 2019 ist die britische Wirtschaft um 0,2 Prozent geschrumpft. Das erste Mal seit Ende 2012. 

Das britische Finanzministerium und die Bank von England hatten die Wirtschaftsschwäche im zweiten Quartal erwartet. Schon im ersten Quartal gab es einen Ausreißer in der Konjunktur, als sich Großbritannien auf den Brexit Ende März vorbereitete. Unternehmen füllten in den ersten Monaten des Jahres Lagerhäuser und Haushalte packten Lebensmittelvorräte in ihren Keller, sodass die britische Wirtschaft im ersten Jahresquartal einen Nachfrageschub und damit "Mini-Boom" von 0,5 Prozent Wachstum erlebte.

Dann fand der Brexit nicht statt. Die Hamsterkäufe hörten auf, die Vorräte wurden – zumindest zum Teil – wieder aufgebraucht. Eine Schwächephase im zweiten Quartal war die Folge. Dies umso mehr, als einige Automobilproduzenten im April Werksferien verordneten, um Unterbrechungen von Zulieferungen nach dem Brexit aus dem Weg zu gehen.

Die Investitionen sinken

Man könnte also die volkswirtschaftliche Schwäche im zweiten Quartal als simple Reaktion auf das politische Brexit-Chaos in Westminister erklären. Etwas, das sich bald wieder ausgleicht. Aber so einfach ist es nicht.

Man nehme den Automobilsektor: Für den britischen Heimatmarkt wurden im ersten Halbjahr rund 16 Prozent weniger Autos in Großbritannien produziert, für den Export 21 Prozent. Insgesamt wurden noch 666.000 Wagen in Großbritannien hergestellt – das sind nur noch 77 Prozent des Produktionsvolumens von 2017. Natürlich liegt dies auch an den verordneten Werksferien, dem Dieselskandal und an der schwächeren globalen Konjunktur. 

Aber die Unsicherheit in der Industrie vor gravierenden Lieferschwierigkeiten nach einem No Deal und die Weigerung der Politiker in Westminster, auf die Warnungen der Industrie zu hören, haben Konsequenzen. Wer will schon investieren, wenn er nicht weiß, ob die Lieferketten über die Grenze funktionieren werden, welche Zölle gelten, welche Regulierungen und Handelsstandards eingehalten werden müssen. Im ersten Halbjahr haben die Automobilunternehmen in Großbritannien daher nur noch 90 Millionen Pfund investiert. Im Schnitt der letzten sieben Jahre waren es nach Angaben des Branchenverbandes SMMT noch 1.350 Millionen Pfund jährlich. Mit Ausnahme von Jaguar Land Rover hat die überwältigende Mehrheit der Produzenten Investitionen vorerst gestoppt. Andere Branchen haben ähnlich reagiert.