Wie gerecht ist Klimaschutz? Wie sozial kann er sein? Wie viel Freiheit lässt er uns? Damit setzt sich Felix Ekardt, Leiter der Forschungsstelle Nachhaltigkeit und Klimapolitik in Leipzig und Berlin sowie Professor an der Uni Rostock, seit über 20 Jahren auseinander.

Für seine auf ZEIT ONLINE erschienenen Gastbeiträge, etwa übers Fliegen und den Konsum von Fleisch, Eiern und Milchprodukten, hat er teils heftigen Widerspruch geerntet. Er sucht die Diskussion mit den Leserinnen und Lesern – zuletzt unter einem Beitrag, in dem er erläuterte, warum häufig benutzte Argumente gegen einen klimafreundlichen Lebenswandel verkehrt seien. Diesmal beschäftigt er sich mit der Frage, wie unsere Gesellschaft mit weniger Wirtschaftswachstum funktionieren könnte, und antwortet erneut auf Leserkommentare. Diskutieren Sie mit!

Wenn wir die globale Erwärmung sicher auf die international verbindlich vereinbarten 1,5 bis 1,8 Grad begrenzen wollen, müssen wir innerhalb der kommenden zwanzig Jahre alle Emissionen weltweit auf null senken – und zwar in allen Sektoren. Das bedeutet null fossile Brennstoffe und eine stark reduzierte Tierhaltung. Davon sind derzeit praktisch alle Länder weit entfernt.

Um uns zu entwöhnen, wäre es am wirksamsten, die fossilen Energieträger Öl, Gas und Kohle und die Nutztierhaltung deutlich teurer zu machen, im Falle Europas am besten auf EU-Ebene. Doch die Debatte darüber wird hitzig geführt: Ist drastischer Klimaschutz nicht für die weniger Wohlhabenden unzumutbar?

Weniger Kosten, mehr Arbeitsplätze

Die Antwort lautet nein, und zwar aus einer ganzen Reihe von Gründen: Macht man die fossilen Brennstoffe teurer, drängt man sie aus dem Markt, und sie werden durch erneuerbare Energien und Energieeffizienz ersetzt. Das ist im Fall von Strom und Wärme kein großes soziales Problem, denn spätestens mittelfristig sind erneuerbare Energien ebenso günstig oder sogar billiger als die fossilen. Zudem ist es möglich, den Energieverbrauch durch Effizienz deutlich zu senken – für die Verbraucherinnen und Verbraucher ist das finanziell eher ein Gewinn.

Überdies schaffen Erneuerbare und Effizienz mehr Arbeitsplätze neu, als bei Kohle, Gas und Öl verloren gehen – man bedenke allein, wie viel Arbeitsleistung für eine umfassende Energiesanierung des Gebäudebestands nötig wäre. Der Ausstieg aus den fossilen Brennstoffen und eine reduzierte Tierhaltung vermeiden außerdem hohe gesellschaftliche Kosten, etwa im Gesundheitssystem für diverse Folgeerkrankungen beispielsweise aufgrund von Luftschadstoffen. Der Klimawandel hingegen wird vor allem die Armen treffen – in Europa und noch mehr weltweit. Allein schon deshalb ist Klimaschutz sozial.

Für eine gemeinsame EU-Klimapolitik

Sozial sinnvoll ist es außerdem, den Klimaschutz auf EU-Ebene voranzutreiben und weniger mit nationalen Steuern. Ein rein nationales Vorgehen würde entweder ökologisch unambitioniert ausfallen oder es wäre ambitioniert, brächte dann aber das Risiko mit sich, Unternehmen und damit auch Arbeitsplätze in Länder mit niedrigeren Standards zu vertreiben. Dem Klima wäre damit nicht geholfen. Deutschland sollte, anstelle sich in der gerade heiß laufenden Debatte über eine CO2-Steuer zu verlieren, auf EU-Ebene starken Druck machen für einen radikal verbesserten Emissionshandel. Wenn nationale Lösungen taugen, dann nur als Einstieg, um der EU-Debatte einen Schub zu geben.

Was erreicht man, wenn man endlich neben Bereichen wie Strom, Zement- und Kunststoffindustrie auch Wärme, Verkehr und Agrarsektor vollständig in dieses EU-Mengenbegrenzungssystem für Klimagase integriert und die Grenze schrittweise so weit senkt, dass in zwei Jahrzehnten gar keine fossilen Brennstoffe mehr verbraucht und deutlich weniger Nutztiere gehalten werden? Zunächst wird das Schädliche durch Verknappung teurer – und in 20 Jahren ist es nicht mehr im Markt, und zwar für niemanden mehr, auch nicht für die Reichen. Rein technisch sind null fossile Brennstoffe in Landwirtschaft, Verkehr und Kunststoffen allerdings nicht machbar. Wir alle müssten außerdem genügsamer werden, um das in zwei Dekaden zu schaffen. Und es stimmt: Die verbleibenden tierischen Nahrungsmittel oder auch Flüge mit erneuerbaren Energien wären teurer als heute und Wohlhabende könnten sich davon mehr leisten als andere.

Die Grenzen des Wachstums

Aber ist dies das soziale Problem des Klimaschutzes? Auch ohne eine effektive Klimapolitik kann sich bereits heute nicht jeder den Flug nach Malaysia leisten. Niemand fordert totale soziale Gleichheit ein – warum wird das Soziale nun ausgerechnet in der Umweltpolitik so betont? Zu Verteilungsfragen sind ganz unterschiedliche Positionen gut begründbar. Wenn, dann ist die eigentliche soziale Ungerechtigkeit doch unser üppiger Lebensstandard selbst. Flüge und viel Fleisch etwa stehen weltweit nur sehr wenigen Menschen zur Verfügung. Und können wir es ernsthaft vor unseren Kindern rechtfertigen, oder vor den Menschen im vom Klimawandel besonders betroffenen globalen Süden, die zur Erderwärmung pro Kopf viel weniger als wir beigetragen haben, wenn wir ihre Existenzgrundlage zerstören?

Das größere soziale Problem der Klimawende ist ein anderes: Es sind die Grenzen des Wachstums. Wenn neben technischem Wandel, also smarter Produktion und smartem Konsum, auch weniger Konsum treten muss, verlassen wir unfreiwillig die Wachstumsgesellschaft – und auf die Frage, wie das funktionieren soll, hat bisher niemand eine bequeme Antwort. Fast alle, sogar die meisten Umweltverbände, weichen einer Debatte darüber aus.