Angst vor dem Abschwung – Seite 1

Schon zu Beginn des Jahres hatte es sich abgezeichnet. Die Aufträge gingen weiter zurück, die Lager aber waren voll. Das bayerische Textilunternehmen Trevira kam in eine schwierige Situation. Mitarbeiter entlassen? Das wollte der Betrieb unbedingt vermeiden, schließlich ging man davon aus, dass die Auftragsflaute bald vorübergeht und dann wieder Arbeitskräfte benötigt würden. Also blieb nur eins: Kurzarbeit

Im Mai entschied sich das Unternehmen aus Bobingen bei Augsburg für diesen Schritt. "So konnten alle Stellen erhalten bleiben", sagt Isabell Lammel, Sprecherin von Trevira. 1.100 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beschäftigt die Firma an zwei Standorten, wo Fasern und Filamente, sogenannte Endlosgarne, hergestellt werden. Die kommen unter anderem in der Automobilindustrie zum Einsatz – im Material für Autositze. 2018 entfielen etwa 14 Prozent des Umsatzes auf die angeschlagene Automobilbranche, am Standort im brandenburgischen Guben waren es sogar 40 Prozent.

600 Mitarbeiter hat das Werk an der polnischen Grenze. 400 von ihnen, alle aus dem Bereich Produktion und Logistik, sind von der Maßnahme betroffen. Ursprünglich sollte die Kurzarbeit nur bis Ende Juli gelten, wurde dann aber bis Jahresende verlängert. "Da sich die Situation nicht maßgeblich verbessert hat", sagt Lammel. 

Es sind Aussagen, wie man sie derzeit aus verschiedenen Branchen hört. Volkswagen meldete im Februar für sein Werk in Zwickau Kurzarbeit an. Gleiches gilt für Automobilzulieferer, Chiphersteller, Produzenten von Quarzglas. In dieser Woche kamen auch aus dem Maschinenbau schlechte Nachrichten. Die Branche verbuchte im Juni fünf Prozent weniger Aufträge und setzt damit einen Negativtrend fort, der seit sieben Monaten in Folge anhält. Laut einer Umfrage des Münchner ifo-Instituts gehen 8,5 Prozent der befragten Unternehmen im verarbeitenden Gewerbe davon aus, in den kommenden Monaten Kurzarbeit zu nutzen – der höchste Wert seit 2013. Im Vorjahr waren es 2,6 Prozent. 

Gewaltiger Strukturwandel

Fast ein Jahrzehnt lang hat die deutsche Industrie lauter Erfolgsmeldungen produziert, seit der Finanzkrise 2009 ging es trotz kleinerer Dellen kontinuierlich aufwärts. Das aber scheint nun vorbei zu sein. Die Managerinnen und Manager der Unternehmen sind verunsichert, die Gründe dafür vielfältig. Allen voran birgt der Handelsstreit zwischen den USA und China erhebliche Risiken, die deutsche Exportbranche spürt die Auswirkungen des Konflikts längst. Die deutsche Autobranche wiederum unterliegt einem gewaltigen Strukturwandel hin zur Elektromobilität, unter dem vor allem die Zulieferer der Verbrennertechnik leiden. Hinzu kommt das Chaos um den Brexit, der Ende Oktober ansteht und für den es noch immer keine Lösung gibt.

Für solche Phasen der konjunkturellen Schwäche, die ganze Wirtschaftszweige trifft, gibt es in Deutschland seit fast 100 Jahren das Instrument der Kurzarbeit. Es soll verhindern, dass Arbeitnehmer entlassen werden, sie sollen lediglich ihre Arbeitszeit reduzieren. Die Bundesagentur für Arbeit übernimmt dann 60 Prozent des ausgefallenen Nettogehalts, bei Menschen mit Kindern sind es 67 Prozent. Kurzarbeit darf aber nicht saisonbedingt sein. Sie muss vom Arbeitgeber angemeldet werden und in der Regel ist sie begrenzt auf maximal ein Jahr.

Angesichts der aktuellen Lage ist die staatliche Hilfe auf Zeit für manche Unternehmen gerade eine wichtige Stütze. Der deutsche Industriesektor befinde sich praktisch seit Mitte 2018 in einer Rezession, sagt der Ökonom Robert Lehmann vom ifo-Institut. Kurzarbeit sei da "ein Mittel der Wahl, wenn Unternehmen trotz wirtschaftlich schwieriger Zeiten ihre Fachkräfte halten wollen".

Acht Branchen setzten schon jetzt vermehrt auf Kurzarbeit, sagt Lehmann. An der Spitze stehe der Bereich sonstiger Fahrzeugbau, also Schiffs-, Zug-, Raumfähren- und Panzerhersteller, von denen derzeit 30 Prozent auf das Modell zurückgreifen. Darauf folgen Textilunternehmen mit 25 Prozent, Hersteller von Lederwaren, Unternehmen aus der Metallerzeugung, dem Maschinenbau, Kraftwagenhersteller, Produzenten von Gummi- und Kunststoffwaren sowie Hersteller elektrischer Ausrüstungen. Abseits des produzierenden Gewerbes spiele Kurzarbeit dagegen keine Rolle.

"Im Wesentlichen ein industrielles Phänomen"

Bei einigen wecken diese Zahlen Erinnerungen an die Finanzkrise vor zehn Jahren. Von der damaligen Situation, sagt Lehmann, sei man allerdings weit entfernt. Derzeit seien in Deutschland 44.000 Menschen in Kurzarbeit beschäftigt, auf dem Höhepunkt der Krise waren es 1,4 Millionen Menschen.

Trotz der anhaltend schlechten Nachrichten aus der Industrie warnt auch Holger Schäfer vom Institut der Deutschen Wirtschaft in Köln (IW) davor, "dass wir die Krise herbeireden". Schließlich sei die Umfrage zur Kurzarbeit zunächst nur eine Absichtserklärung der Unternehmen, ein Blick in die Zukunft, sagt Schäfer. Es gebe dazu noch keine konkreten Zahlen. So wurden im Juni 17.000 Arbeitskräfte bei der Bundesagentur für Arbeit zur Kurzarbeit angezeigt. Das heißt, die Firmen stellten einen ersten Antrag, dass sie gegebenenfalls auf Kurzarbeit zurückgreifen müssen. Ob sie diese dann auch wirklich nutzen, stehe noch nicht fest.

Hinzu komme, dass die derzeitige Schwäche vor allem das verarbeitende Gewerbe betreffe, sagt Schäfer, andere Branchen stünden besser da. Der Dienstleistungsbereich oder die Baubranchen entwickelten sich dynamisch. Die Beschäftigung steige dort weiterhin an, nur eben langsamer. Ein Übertreten auf andere Branchen sieht der Ökonom deshalb nicht: "Es ist zurzeit im Wesentlichen ein industrielles Phänomen."

Erhöhter Beratungsbedarf

Unabhängig davon, sagt Schäfer, sei das Instrument der Kurzarbeit für Arbeitgeber und Arbeitnehmer gleichermaßen sinnvoll. Da niemand entlassen wird, könnten Arbeitgeber – sobald die Konjunktur wieder läuft – erneut mit der Stammbelegschaft weiterarbeiten, müssen also nicht auf die kosten- und zeitintensive Suche nach neuen Arbeitskräften gehen. Zum Risiko werde Kurzarbeit erst, wenn die Rezession länger andauere als gedacht. Ein Einjahreszeitraum, das habe sich 2009 gezeigt, sei gut verkraftbar. Schwierig werde es, wenn sich die Rezession über drei bis vier Jahre erstrecke, wenn Firmen doch auf Entlassungen zurückgreifen müssten. Und zu den Kosten für Kurzarbeit noch Kosten für Entlassungen hinzukämen. "Dann haben wir ein Problem", sagt der IW-Wissenschaftler.

An diesem Punkt ist die deutsche Wirtschaft aber längst nicht angelangt. Die Zahlen für Kurzarbeit bewegen sich auf niedrigem Niveau, in Bayern und Sachsen sind sie am stärksten gestiegen, weil dort viele Unternehmen aus den betroffenen Branchen angesiedelt sind. Auch von der Bundesagentur für Arbeit heißt es: "Wir stellen derzeit zwar einen erhöhten Beratungsbedarf fest, eine wirkliche Trendwende aber sehen wir nicht."

Dementsprechend stehen Ökonomen den Forderungen nach einer Lockerung der Regeln für Kurzarbeit, wie sie Arbeitgeberpräsident Ingo Kramer bereits ins Spiel gebracht hat, eher kritisch gegenüber. In der Krise 2009 hatte es ähnliche Maßnahmen gegeben, etwa eine vereinfachte Beantragung und eine Unterstützung bei den Sozialversicherungsbeiträgen. Man müsse sich zumindest mit solchen Mitteln auf eine tiefere Krise vorbereiten, warnt Kramer. Bisher aber zeichnet sich nicht ab, dass es so kommt wie vor zehn Jahren.