Es scheint sich als Volksweisheit in unseren Köpfen festgesetzt zu haben, dass der kleine deutsche Sparer durch die Niedrigzinsen und die böse Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) enteignet wird. Er erhält nichts mehr an Zinsen für sein mühsam Erspartes, muss daher noch mehr sparen. Und trotzdem hat er dann im Alter kein ausreichendes Renteneinkommen. Diese Enteignung führt zu Elend und Altersarmut und bestraft den Deutschen für sein tugendhaftes Verhalten. Schlimmer noch, die Geldpolitik erhöht die Ungleichheit, da es die Schwachen trifft und den Reichen hilft – so die Wahrnehmung.

Aber stimmt der Mythos des Sparers als Opfer der Geldpolitik und niedriger Zinsen?

Gerne lassen die Kritiker der EZB-Geldpolitik unerwähnt, dass 40 Prozent der erwachsenen Deutschen gar kein nennenswertes Vermögen haben. Fast nirgends in den entwickelten Volkswirtschaften gibt es einen so hohen Anteil an Menschen, die nicht sparen und damit auch keine private Altersvorsorge betreiben. Mag sein, dass viele auch deshalb wenig oder gar nicht sparen, weil wir einen starken Sozialstaat haben. Dieser gewährleistet eine gute Absicherung, zumindest im Vergleich zu den meisten anderen westlichen Ländern.

Die meisten jedoch können nicht sparen, weil sie durch geringe Löhne und die zu leistenden Steuern und Abgaben gezwungen sind, ihr gesamtes verfügbares Einkommen für das tägliche Leben aufzuwenden. Diesen Menschen ist es ziemlich egal, ob die Zinsen bei null Prozent oder zehn Prozent liegen. Denn wer nichts Erspartes hat, kann auch nicht von Zinsen profitieren.

Die Preise sind stabil

Es ist seltsam, dass viele Politiker und Medien die Deutschen reflexartig und in erster Linie als Sparer sehen, wenn es um die Geldpolitik geht. Dabei sind die Deutschen nicht nur Sparer, sondern viel häufiger noch Erwerbstätige und damit auf einen sicheren Arbeitsmarkt angewiesen. Die Geldpolitik hat durch niedrige Zinsen ganz entscheidend dazu beigetragen, dass Unternehmen expandieren und dadurch Menschen einstellen und beschäftigen können. 

Somit wurden in den letzten Jahren viele Millionen Jobs in Europa und in Deutschland auch durch die expansive EZB-Geldpolitik geschaffen. Die gute wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands, die auch der EZB-Geldpolitik zu verdanken ist, hat zu Lohnsteigerungen in fast allen Einkommensschichten in Deutschland geführt. Viele Deutsche sind zudem Eltern oder Großeltern, die den Wunsch haben, dass ihre Kinder und Enkelkinder auch noch in zehn oder 20 Jahren lohnenswerte Arbeit finden.

Jeder Deutsche ist Konsument oder Konsumentin, der oder die sicher sein möchte, dass man auch künftig noch seine Grundbedürfnisse mit dem Einkommen decken kann. Die EZB-Geldpolitik hat entscheidend dazu beigetragen, dass der Euro stabil und damit auch die Preise für die Konsumenten stabil geblieben sind.

Viele Deutsche sind Steuerzahlende. Diejenigen, die über niedrige Zinsen schimpfen, lassen gerne außer Acht, dass dies dem deutschen Staat jedes Jahr 45 Milliarden Euro durch geringere Zinsausgaben erspart. Dies entlastet den deutschen Steuerzahler und hat es dem Staat in den letzten zehn Jahren erlaubt, die Sozialausgaben deutlich zu erhöhen. Die Abschaffung des Solis, welche knapp zehn Milliarden Euro jährlich kostet, wäre ohne die niedrigen Zinsen nicht möglich.