Eigentlich fühlten Volker und Claudia Strauch sich im Westen sehr wohl. An die fünf Jahre lang lebten sie in Hünfeld, einer 16.000-Einwohner-Stadt in der Nähe der osthessischen Stadt Fulda. Er spielte Fußball, machte im Karnevalsverein mit, hatte einen guten Job als Prozessingenieur in einem nahen Werk für Haarkosmetik. Sie arbeitete als Speditionskauffrau. Die Strauchs schlossen Freundschaften. Zwischendurch zogen sie aus beruflichen Gründen für ein Jahr nach Warschau. Als es zurück nach Deutschland ging, war sofort klar: Sie wollten wieder nach Hünfeld, diesmal in den zur Stadt gehörenden 650-Einwohner-Ort Kirchhasel. "Dort war es wie Familie", sagt Strauch.

Dann beschlossen der heute 38-Jährige und seine 34-jährige Frau trotzdem, zurück in ihre alte Heimat nach Brandenburg zu ziehen. Inzwischen war der gemeinsame Sohn Vincent zur Welt gekommen. Er war oft krank, so wie kleine Kinder es sind, deren Immunsystem noch trainiert werden muss. Claudia Strauch blieb häufig bei ihm zu Hause – und in ihrer Firma stieß das nicht immer auf Verständnis.

Die Strauchs wollten wieder näher bei ihren Eltern und Geschwistern sein, um Familie und Job besser unter einen Hut zu bringen. Vor zwei Jahren kamen sie zurück ins 2.600-Einwohner-Städtchen Putlitz. Beide sind hier aufgewachsen, ihre Familien wohnen nur ein paar Hundert Meter entfernt. "Hier muss ich mir keine Sorgen machen, wenn der Kleine mal ausbüxen sollte", sagt Strauch, "die Nachbarn passen mit auf." Auch in Putlitz spielt er Fußball. Der Ort fühlte sich für ihn schnell wieder heimisch an, als seien er und seine Frau nicht jahrelang weg gewesen. 

Volker Strauch im Hof seines Hauses in Putlitz (links). Vom Bahnhof in Pritzwalk fuhren früher Züge nach Putlitz ab. Heute nicht mehr. © Alexandra Endres für ZEIT ONLINE

Sie sind nicht die einzigen, die es zurückzieht in die ostdeutschen Bundesländer. Nach dem Mauerfall verließen Millionen den Osten – viele kommen heute wieder zurück. Zum Beispiel nach Brandenburg, so wie die Strauchs: In das Bundesland zogen laut Wanderungsstatistik im Jahr 2018 rund 84.500 Menschen. Das waren 21.000 mehr als im gleichen Zeitraum wegzogen. Im Vorjahr lag ihre Zahl ähnlich hoch.

Brandenburgs Bevölkerung schrumpft nicht mehr, so wie in den Jahren nach der Jahrtausendwende. Sie wächst, und zwar besonders stark im Speckgürtel um Berlin. Der allergrößte Teil der Zuzüglerinnen und Zuzügler kommt aus der Hauptstadt. Die Vermutung liegt nahe, dass viele von ihnen täglich pendeln.

Die Familie half beim Umbau

In Putlitz dürfte das nicht so sein. Das Städtchen liegt – je nach Verkehrs- und Baustellenlage auf der A24 – etwa zwei Stunden vom Berliner Zentrum entfernt, im Landkreis Prignitz, äußerster nordwestlicher Zipfel von Brandenburg. Wer nach Putlitz zieht, will tatsächlich dorthin. So wie die Strauchs. Volker Strauch arbeitet seit Januar 2017 nicht weit von Putlitz entfernt in einem Unternehmen, das Getreide zu Frühstücksflocken verarbeitet. Er sagt, es sei nicht leicht gewesen, eine passende Stelle in der Gegend zu finden. Mit den unterschiedlichen Gehaltsniveaus in West- und Ostdeutschland müsse man sich arrangieren. Aber: "Ich bereue es nicht."

Von Kirchhasel nach Putlitz

Die Distanz zwischen beiden Orten beträgt 430 bis 530 Kilometer, je nach Route.

Wenn sie jetzt abends auf ihrer Terrasse sitzen, blicken die Strauchs auf die große Wiese hinter ihrem Haus. Dahinter leuchten, gebührend angestrahlt, der Turm der Putlitzer Gänseburg und die Kirche, zwei Wahrzeichen der Stadt. Strauch mag die Aussicht. Und es gefällt ihm, nach Feierabend in seinem Haus und drum herum zu werkeln. "Ich bin ja Handwerker, aber beruflich sitze ich fast nur noch am Schreibtisch", sagt er. Da sei die Arbeit zu Hause ein willkommener Ausgleich. Nur ein wenig schneller vorangehen, das könnte es schon.

Vor einem halben Jahr sind Strauchs in ihr Haus gezogen. Familie und Freunde halfen beim Umbau, aber noch ist nicht alles fertig: Drinnen haben die Lampen keine Schirme, und draußen im Hof liegt überall Sand. Aber die Schafe stehen auf der Weide, die Hühner scharren hinterm Zaun, die Katzen sind auch irgendwo unterwegs, und Hund Buddel, der vor allen anderen einzog, schaut sehnsüchtig aus dem von Strauch selbst gebauten Zwinger. Normalerweise muss er dort nicht hinein; wenn Gäste kommen, schon. Der Hund kuschelt zu gern, sagt Strauch, auch mit unbekannten Besucherinnen. Als Wachhund wäre Buddel eine glatte Fehlbesetzung.