Der US-Ökonom Dennis Snower ist Präsident und Gründer der Global Solutions Initiative, die die G20-Staaten in politischen und wirtschaftlichen Fragen berät. Zuvor war er lange Präsident des Instituts für Weltwirtschaft in Kiel und Professor für theoretische Volkswirtschaftslehre.

ZEIT ONLINE: Herr Snower, nach einem Angriff auf einen Supermarkt in El Paso wird in den USA wieder über den Rassismus im Land diskutiert. Wie stark spielt dabei die wachsende Ungleichheit eine Rolle?

Dennis Snower: Eine sehr große. Die Globalisierung und der technologische Fortschritt bevorzugen prinzipiell Menschen mit hoher Qualifizierung. Die Folge ist ein verstärkter Kampf um den sozialen Status in der Gesellschaft. Menschen mit einer guten Bildung und Ausbildung können diesen Kampf erfolgreich auch über Ländergrenzen hinweg führen. Weniger Qualifizierte erkennen dagegen, dass sie in dieser Auseinandersetzung kaum Chancen haben. Deshalb suchen sie sich andere Ziele. Eines ist, eine nationale, eine ethnische oder auch soziale Zugehörigkeit zu definieren.

ZEIT ONLINE: Was erhoffen sich die Menschen davon?

Dennis Snower © IfW/​Christina Kloodt

Snower: Es geht um eine Verbesserung ihrer Lage, aber nicht unbedingt im materiellen Sinne. In dieser Hinsicht sehen sie, dass sie chancenlos sind. Wenn man sich aber auf die soziale Zugehörigkeit konzentriert, kann man wieder an Selbstbewusstsein gewinnen. Konkret bezogen auf die USA heißt das: Diese Menschen glauben, dass man zu bestimmen Urwerten der amerikanischen Gesellschaft zurückkehren muss.

ZEIT ONLINE: Was genau meinen Sie, wenn Sie von Chancenlosigkeit sprechen?

Snower: Ökonomen nennen das die soziale Mobilität. Damit wird beschrieben, wie hoch die Chancen sind, von einem niedrigen in ein höheres Einkommens- und Bildungsniveau aufzusteigen. Aber das reicht nicht aus als Erklärung, weil materieller Wohlstand nicht das Einzige ist, in dem es Ungleichheit geben kann. Wichtig ist auch die Frage, wie stark ich mein Schicksal durch eigene Bemühungen beeinflussen kann. Für viele Menschen wird dieser Einfluss immer geringer durch die wachsende Globalisierung und Technologisierung.

ZEIT ONLINE: Das müssen Sie bitte genauer erklären.

Snower: Ich kann leicht ausgetauscht werden durch jemanden, der ganz woanders auf der Welt lebt, oder durch einen Roboter. Wenn dazu noch das soziale Umfeld zerfällt, weil ich in einer strukturschwachen Region wohne, wie im sogenannten Rust Belt der USA, dem einstigen Zentrum der Schwerindustrie, dann habe ich immer weniger Möglichkeiten, mich selbst einzubringen.

ZEIT ONLINE: Und das reißt die Gesellschaft auseinander?

Snower: Es haben sich verschiedene Kluften gebildet, zwischen den gut und weniger gut Gebildeten, zwischen den Städtern und den Landbewohnern. Diese Gräben überschneiden sich nicht zwingend. Viele Menschen stellen sich deshalb die Frage: Welcher gesellschaftlichen Gruppe gehöre ich an? Ein solche Gruppe kann die Nation sein, eine Religion, eine ethnische Gruppe oder eine soziale Klasse. Jeder hat viele Identitäten, über die er sich definiert, über die Familie, Freunde, Arbeit oder eben die Nation. Die Frage ist letztlich, welche dieser Identitäten besonders betont wird.

ZEIT ONLINE: Im Amerika von Donald Trump ist das gerade besonders die Nation?

Snower: Ja, er macht so Rassismus salonfähig. Ähnlich heizt auch der britische Premierminister Boris Johnson in Großbritannien die Debatte an. Das Problem ist: Identitätspolitik wird zum alles bestimmenden Thema. Donald Trump spielt die Rassenkarte und die Demokraten halten dagegen. Dadurch bekommt das Thema noch mehr Aufmerksamkeit. Dabei könnten sich die Demokraten auf andere Fragen konzentrieren und hier Lösungen anbieten. So würde dem Konflikt und damit auch Donald Trump Aufmerksamkeit entzogen. Aber das geschieht bisher nicht.

ZEIT ONLINE: Wie sind überhaupt diese Unwuchten in der Gesellschaft entstanden?

Snower: Darüber kann man Stunden sprechen, aber vielleicht lässt sich eines hervorheben. Die Globalisierung und der technologische Fortschritt sind zwei Phänomene, die stark miteinander interagieren. In den Achtzigerjahren wurde es relativ einfach, Informationen um die ganze Welt zu transportieren. Vor allem in der Logistik wurden ganz erhebliche Fortschritte gemacht – Maschinen für einfache Tätigkeiten waren überall einsetzbar.

Ein einzelner Schuh wird jetzt in verschiedenen Ländern hergestellt. Mit der Zeit haben die Maschinen auch immer mehr qualifizierte Tätigkeiten übernommen, immer breitere Schichten der Bevölkerung sind davon betroffen und treten in Konkurrenz zu den Maschinen. Das hat nicht nur ökonomische, sondern auch politische und sozialen Folgen. Letzteres sehen wir gerade in den USA sehr deutlich.