Maximal schlecht vorbereitet – Seite 1

Wenn es um den Waldschutzplan in Brandenburg geht, wird Martin Hasselbach schnell sehr klar und deutlich: "Pläne hin oder her, der Wald hat Eigentümer, und diese haben eigene Interessen", sagt der Geschäftsführer des Waldbesitzerverbandes in Brandenburg. Natürlich müsse es Wege geben: für den Holztransport, die Feuerwehren, Rettungskräfte und Waldbesucher. "Aber der Eigentümer entscheidet, ob und was er ausbaut. Das ist Teil der waldbaulichen Freiheit", sagt Hasselbach, der selbst einige Hektare Wald besitzt.

Brandenburg zählt mit seinen sandigen Böden, trockenen Sommern und großen Wäldern laut EU-Kommission europaweit zu den Gebieten mit dem höchsten Waldbrandrisiko – ebenso wie Portugal und Südspanien. 2018 hat es in dem Bundesland mehr als 500 Mal gebrannt, in diesem Jahr gab es bis Ende Juni schon 275 Brände – und der Sommer ist noch nicht zu Ende.

Seit 2015 gilt deshalb ein von der Landesregierung mit dem Brand- und Katastrophenschutz ausgearbeiteter Waldschutzplan. Sein zentrales Element ist der Ausbau von Waldbrandschutzwegen, die insgesamt 3.000 Kilometer umfassen sollen. Es sind besondere Wege, auf denen im Notfall vor allem die tonnenschweren Fahrzeuge der Feuerwehr fahren können. Rund 1.800 Kilometer Weg eignen sich bereits dafür – aber 1.200 Kilometer müssen noch ausgebaut werden. Und das sorgt für Ärger.

"Warum ich und nicht mein Nachbar?"

Denn weit mehr als die Hälfte der 1,1 Millionen Hektar Wald gehören den rund 100.000 Waldbesitzern in Brandenburg. "Darunter sind einige Großwaldbesitzer, aber manche haben auch mal nur drei Hektar. Manchmal geht es deswegen um 50 Meter Weg, danach grenzt das an anderen Besitz. Da fragt sich ein Besitzer schon: Warum ich und nicht mein Nachbar?", beschreibt Carsten Leßner, Referatsleiter für Wald und Forstwirtschaft im Potsdamer Ministerium für Umwelt und Landwirtschaft, das Problem. Denn Waldbesitzer müssen zwar das Waldgesetz einhalten, das sie zu Pflege und Instandhaltung verpflichtet – aber niemand kann sie dazu zwingen, Wege auszubauen oder freizuräumen. Bislang. "Es wird nun diskutiert, ob man über eine Gesetzesänderung zu Mindeststandards verpflichten sollte", sagt Leßner. "Die Frage ist aber, ob wir mit einem Zwang im Gesetz weiterkommen."

Bislang setzt die Landesregierung auf Anreize. Brandenburg fördert den Ausbau der Wege finanziell, die Kosten können bis zu 100 Prozent erstattet werden. Auch wenn die Zahl der Antragsteller langsam steigt, sind es immer noch zu wenige. Und selbst bei denen ist viel Geduld gefragt: Das Verfahren ist aufwendig und die Anträge scheitern immer wieder – aus Naturschutzgründen. "Wenn untere Naturschutzbehörden immer neue Anforderungen stellen, muss man sich nicht wundern, wenn es nicht weitergeht", kritisiert Waldbesitzer Hasselbach. "Überspitzt könnte man sagen, da werden Anträge nicht genehmigt, weil in der Gegend Eidechsen mal ihren Mittagsschlaf gehalten haben. Hier stellt sich Naturschutz gegen Katastrophenschutz – das sieht nach behördeninternen Konflikten aus. Und die Wege werden nicht gebaut", so Hasselbach. Das sei ein ziemlich unbefriedigender Zustand.

Waldbrandgefahr wird größer

Unbefriedigend findet auch der Naturschutzbund Brandenburg die Situation. Was da gebaut werde, sei gar nicht nur für die Feuerwehr, werfen die Umweltaktivisten der Landesregierung vor: "Natürlich müssen Wege vorbehalten werden, die für die Feuerwehr befahrbar sind. Diese sind auch schon vorhanden. Die Frage ist, ob und wie diese Wege ausgebaut werden", sagt Manuela Brecht vom Nabu Brandenburg. Auf den ausgebauten Wegen könne nicht nur die Feuerwehr mit ihren 18-Tonnern fahren, sondern auch schwerere Laster. Für Brecht steht deswegen fest: "Dabei geht es ausschließlich um die Holzabfuhr."

Je nach Untergrund werden die Wege erhöht, mit Schotter gefüllt und abgedeckt. "Das sieht dann aus wie eine breite Fahrstraße im Wald. Bodenlebende Tiere wie Laufkäfer und Reptilien haben große Schwierigkeiten, diese Wege zu überqueren. Und für Touristen und Erholungssuchende sind sie auch nicht mehr attraktiv", sagt Brecht. Der Nabu fordere daher, mehr eingebunden zu werden, damit der Ausbau der Wege besser geprüft werde – vor allem in Bezug auf artenschutzrechtliche Fragen. Nicht nur in Naturschutzgebieten, sondern in allen Wäldern des Landes. 

Der Streit zwischen Waldbesitzern, Behörden und Naturschutz schwelt schon länger. Mit der zunehmenden Zahl an Bränden wächst allerdings der Druck auf die Politik, eine Lösung zu finden. Generell will diese sich – in Land und Bund – mehr dem Thema Wald, Wiederaufforstung und Klimaschutz widmen. Am heutigen Donnerstag treffen sich daher die CDU-Agrarminister in Sachsen zu einem Waldgipfel.

Chefsache Waldbrandprävention

In Brandenburg gibt es in Bezug auf präventive Maßnahmen wie den Wegeausbau Nachholbedarf. Über Jahrzehnte war er kein Thema, das soll sich nun ändern. Jetzt seien es meist noch Kleinstbrände, die man schnell in den Griff bekomme, sagt Leßner. "Aber man muss davon ausgehen, dass es bei ‎diesen Kleinstbränden nicht bleibt, und dafür brauchen wir die Wege." Auch der Deutsche Feuerwehrverband dringt bei jeder Gelegenheit darauf, dass der Zugang zu den Wäldern und Flächen gesichert sein müsse.

Schließlich will niemand wieder einen Brand wie im August 2018 riskieren, als sich das Feuer im Südwesten Brandenburgs, bei Treuenbrietzen, rasend schnell ausbreitete. Dörfer mussten evakuiert und Autobahnen gesperrt werden und der Rauch war bis nach Berlin zu riechen. Es war einer der größten Brände in Brandenburgs Geschichte, bei dem rund 400 Hektar Wald in Flammen aufgingen.

Hasselbach fordert deswegen, dass die Waldbrandprävention Chefsache bei der Politik werden müsse, unabhängig davon, wie das Ergebnis der Landtagswahl im September aussehe. "Wir sind auf diese Fälle nur unzureichend vorbereitet. Aber was wir jetzt erleben, ist laut dem Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung nur ein Vorgeschmack darauf, was mal die Regel werden kann. Das kann man nicht durch Aussitzen lösen."