Im Kampf gegen neue Windräder geht man im Landkreis Saale-Orla in Thüringen inzwischen, nun ja, unkonventionelle Wege. Im Frühjahr beschloss der Kreisausschuss einstimmig, Bürgerinitiativen jeweils 2.000 Euro Zuschuss zu gewähren, wenn sie Gutachten gegen Windparks in Auftrag geben. Für die oft klammen Kommunen ist das eine Menge Geld, die sogenannten Umweltverträglichkeitsprüfungen bedeuten einen hohen finanziellen Aufwand.

Dass öffentliche Steuergelder inzwischen genutzt werden, um den Ausbau der Windenergie zumindest zu verzögern, gehört zu den Absurditäten der deutschen Energiewende. Der CDU-Landrat von Saale-Orla will sich auf Nachfrage nicht endgültig zu der staatlichen Förderung äußern, nur so viel: Noch sei sie in Prüfung.

Ob Ökostrom, Netzausbau, Atom- und Kohleausstieg, bei Deutschlands größtem Energieprojekt läuft zurzeit vieles extrem schief. Besonders dramatisch aber ist die Lage beim Ausbau der Windenergie an Land. Allein im ersten Halbjahr dieses Jahres gingen unterm Strich nur 35 neue Windräder mit einer Leistung von rund 230 Megawatt ans Netz. Das ist der schlechteste Wert seit 20 Jahren, 80 Prozent weniger als im Vorjahr. Schaut man sich die Windenergie an, ist Deutschland inzwischen ein gespaltenes Land: Im Norden wird Wind im großen Stil geerntet, in Bayern und Hessen ist in den ersten sechs Monaten kein einziges Windrad neu ans Netz gegangen.

Branche warnt vor "existenzieller Krise"

Die Unternehmen der Branche spüren die Folgen. Von "existenzieller Krise" und von einem "Totaleinbruch" spricht Hans-Dieter Kettwig, Geschäftsführer von Enercon, Deutschlands größtem Windradproduzenten. Zahlen veröffentlicht der Mittelständler aus Ostfriesland traditionell nicht, aber zweifellos gebe es eine "miserable Auftragslage und einen deutlichen Gewinnrückgang im Inlandsgeschäft". Erst im Frühjahr musste der Windhersteller Senvion aus Hamburg Insolvenz anmelden. Vor rund zehn Jahren hatten sich ausländische Investoren eine milliardenschwere Bieterschlacht um das Unternehmen geliefert, das damals noch als Repower bekannt war.

Mehr als 20.000 Arbeitsplätze hat die Windbranche allein im Jahr 2017 zum Vorjahr verloren, aktuellere Zahlen liegen nicht vor. War Deutschland früher weltweit führend in der Windenergie, so kommt es heute nur noch auf einen Anteil von mickrigen 2,5 Prozent des Weltmarktvolumens. Der Windenergie bricht der Heimatmarkt weg. "Deutschland droht als Innovations- und Industriestandort den Anschluss zu verlieren", warnt Wolfram Axthelm vom Bundesverband Windenergie (BWE). Wenn deutsche Projektierer und Anlagenhersteller neue Parks entwickeln, dann lieber im Ausland: In Texas, Frankreich oder Taiwan finden sie inzwischen bessere Bedingungen.

Ähnlich wie die Solarkrise

Die Situation erinnert an die Krise der deutschen Solarindustrie vor fünf Jahren. Damals brach eine ganze Branche in sich zusammen, die zuvor dank lukrativer Förderung nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) immer größer geworden war, bis sich zeigte, dass chinesische Unternehmen die azurblauen Zellen viel günstiger und ebenso gut herstellen können. Der damalige Bundesumweltminister Peter Altmaier deckelte 2013 den Ausbau und versprach eine Preisbremse. Danach ging die Zahl der neu installierten Solaranlagen stark zurück.

Jetzt erlebt die heimische Windbranche ähnliche Zeiten, nur sind die Gründe ganz andere. Die Kilowattstunde Windstrom ist – auch weil Windstrom mittlerweile versteigert wird und der günstigste Anbieter gewinnt – inzwischen konkurrenzfähig. Deshalb ist die Krise keine Frage der Preises, sondern der Genehmigungen: Windparks mit einer Kapazität von mehr als 11.000 Megawatt stecken im Genehmigungsprozess fest – das entspricht etwa dem, was vier kleine Kohlekraftwerke an Strom theoretisch produzieren könnten.

Die Bundeswehr hat allein bei 900 geplanten Windkraftanlagen Bedenken angemeldet, in Nordrhein-Westfalen liegen viele Projekte auf Eis, weil die Flugsicherung Einwände hat. Zudem fallen nach 20 Jahren garantierter staatlicher Vergütung nun die ersten Anlagen aus der Förderung – und wer am gleichen Standort ein neues Windrad bauen will, der muss das Genehmigungsverfahren komplett neu durchlaufen. Nur dauert es statt einem inzwischen fast drei Jahre, einen Windpark genehmigen zu lassen.