Haben Sie auch gerade dieses Nullerjahre-Gefühl? Rezession, Schlusslicht, Minuswachstum. Das sind die Nachrichten des heutigen Tages und sie erinnern an die Zeit nach der Jahrtausendwende, als in Deutschland mehr als fünf Millionen Menschen keine Arbeit hatten und das Land als der kranke Mann Europas galt.

Werden wir gerade Zeuge des "Absturz eines Superstars", wie es in einem damals populären Buch formuliert wurde?

Nein. Die deutsche Wirtschaft ist im zweiten Quartal geschrumpft, und die Auftragslage der Unternehmen deutet darauf hin, dass es auch im Rest des Jahres nicht viel besser laufen könnte, zumal wenn sich der Handelskonflikt zwischen den Amerikanern und Chinesen zuspitzt und es zu einem ungeordneten Brexit kommen sollte. Beides trifft die exportabhängigen deutschen Unternehmen und so kann aus dieser Gemengelage durchaus ein Abschwung mit steigender Arbeitslosigkeit werden.

Dennoch besteht kein Grund zur Panik, und zwar aus drei Gründen:

Erstens: Die Staatskassen sind gut gefüllt und das Geld ist billig. Die Sozialversicherungen beispielsweise haben in den guten Jahren beachtliche Geldreserven angehäuft. Deshalb müssen die Beiträge zur Arbeitslosenversicherung nicht gleich erhöht werden, wenn wegen eines Anstiegs der Arbeitslosigkeit zusätzliche Lasten zu tragen sind. Das entlastet die Arbeitnehmer.

Die Lage ist besser als die Stimmung

Und wenn sich die Aussichten so sehr eintrüben, dass der Staat mit einem kreditfinanzierten Konjunkturprogramm gegensteuern sollte, so wäre dies problemlos möglich. Die Investoren bezahlen sogar dafür, dem Bund Kapital leihen zu dürfen. Selbst wenn die Unternehmen Leute entlassen, dann gibt es wieder mehr Ingenieurinnen, Bauarbeiter und Architektinnen. Bislang führt der Mangel an Fachkräften dazu, dass öffentliches Geld nicht abgerufen werden konnte. Das würde sich in einem Abschwung ändern.

Zweitens: Die Lage ist besser als die Stimmung. Es ist schon bemerkenswert, wie auf einmal überall nur die Defizite des Wirtschaftsstandorts thematisiert werden. Die gibt es: Das Internet ist zu langsam, die Autoindustrie hat den technologischen Wandel lange verschlafen, an den Schulen fehlen die Lehrer. Das ist allerdings nur ein Teil der Wahrheit.

Laut einer Rangliste des Weltwirtschaftsforums ist Deutschland derzeit die innovativste Volkswirtschaft der Welt. Deutschland ist nach den USA und vor China oder Frankreich das Land mit den meisten Anmeldungen beim Europäischen Patentamt. Außerdem ist die staatliche Schuldenquote niedriger als in den meisten anderen Industrienationen.

Investitionspaket auf zehn Jahre

Drittens: Deutschland ist immer noch ein Land, in dem die politischen Institutionen halbwegs funktionieren. Sicherlich waren die vergangenen zehn Jahre nicht unbedingt von großen Ambitionen geprägt, was die Wirtschaftspolitik angeht. Aber immerhin scheint in Deutschland anders als in den USA, Italien oder Großbritannien nicht die Stabilität des politischen Systems insgesamt in Gefahr zu sein.

Was folgt aus diesen drei Punkten? Der Rückgang des Bruttoinlandsprodukts zeigt, dass die Zeiten vorbei sind, in denen die Politik sich um die Wirtschaft nicht zu kümmern brauchte. Aber daraus muss keine große Krise werden, wenn jetzt schnell ein paar Entscheidungen getroffen werden. Die Koalition sollte sich erstens schnell auf ein Konjunkturprogramm einigen, dass aktiviert werden kann, wenn es weiter nach unten geht.

Sie sollte zweitens die Richtung in der Klimapolitik vorgeben, damit die Unternehmen sich darauf einstellen können. Und sie sollte drittens die niedrigen Zinsen nutzen und ein auf zehn Jahre angelegtes Investitionspaket auflegen und finanziell absichern, damit die deutsche Volkswirtschaft auf die anstehende ökologische Transformation der globalen Wirtschaftsbeziehungen vorbereitet ist.