Auch in diesem Ausbildungsjahr sind wieder zahlreiche Lehrstellen unbesetzt geblieben. Mehr als 157.000 waren es laut Bundesagentur für Arbeit (BA) im August – so viele wie noch nie. Dabei entscheiden sich wieder mehr junge Menschen dazu, eine Berufsausbildung zu machen und viele Betriebe suchen dringend nach ihnen. Paradoxerweise aber finden Jugendliche und Ausbildungsfirmen immer schlechter zueinander. Das stellt die Untersuchung Ländermonitor berufliche Bildung 2019 fest, die von der Bertelsmann Stiftung gefördert wird und seit 2015 alle zwei Jahre erscheint.

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Universität Göttingen haben für den aktuellen Bericht verschiedene Daten zum Ausbildungsmarkt aus den vergangenen Jahren ausgewertet. Sie wollten wissen: Wie haben sich Angebot und Nachfrage auf dem Ausbildungsmarkt entwickelt und woran liegt es, dass – so stellt es die BA fest – die Zahl der unversorgten Bewerberinnen und Bewerber auf einem recht hohen Niveau stagniert, obwohl es schon seit einigen Jahren mehr Ausbildungsplätze als Lehrlinge in spe gibt?

Die Göttinger Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben die Daten der vergangenen zehn Jahre analysiert. 2009 gab es noch ein Überangebot von Bewerberinnen und Bewerbern: Damals fanden 93.000 junge Menschen keine Ausbildung, 17.000 Lehrstellen blieben allerdings schon damals unbesetzt. 2018 fanden 79.000 Bewerbende keine Lehrstelle, zugleich hatte sich die Zahl der unbesetzten Ausbildungsplätze mit 58.000 verdreifacht. Und in diesem August kamen, rein rechnerisch, auf 100 Stellen 94 Bewerberinnen und Bewerber. Theoretisch müsste also jeder eine Lehrstelle finden.

Doch so einfach ist es nicht. Wie auch auf dem Arbeitsmarkt generell, wo trotz einem zunehmenden Fachkräftemangel ein verfestigter Anteil von Langzeitarbeitslosigkeit besteht, ist die Passung zwischen Bewerbenden und angebotenen Stellen die Hauptursache, stellt die Untersuchung fest. Oft mangelt es an dem erforderlichen Schulabschluss, dem nötigen Notendurchschnitt der Bewerbenden oder aber die Firma hält den Kandidaten oder die Kandidatin doch nicht für geeignet. Ein großes Problem ist auch, wenn die Bewerbenden einen Ausbildungsplatz nur aus Mangel an Alternativen annehmen. In einigen Fällen sind die Jugendlichen dann nur halbherzig bei der Sache, fehlen oft – manchmal wird die Lehre abgebrochen oder das Ausbildungsverhältnis wird vom Unternehmen aus vorzeitig beendet. Manche Betriebe, die diese Erfahrung gemacht haben, sind das nächste Mal vorsichtiger und verzichten darauf, einen Auszubildenden einzustellen, wenn es nicht ganz passt.

Vor allem Lebensmittelhandwerk nicht mehr attraktiv

So stellten die Göttinger Forscher fest, dass es für beinahe die Hälfte der unbesetzten Ausbildungsplätze – 44 Prozent – zwar Interessenten gibt, aber es aus den genannten Gründen gar nicht erst zum Ausbildungsvertrag kommt. Manchmal sind es aber auch die Jugendlichen, die absagen – zum Beispiel, weil doch noch der Wunschbetrieb zusagt. Oder weil sie lieber noch einen höheren Schulabschluss erwerben, als bei einer Firma, die sie nicht für attraktiv genug halten, eine Ausbildung zu machen. Die Studie stellt auch fest, dass ein Drittel der angebotenen Lehrstellen nicht besetzt werden kann, weil es überhaupt keine Bewerbungen darauf gibt. Der Hauptgrund dafür ist: Einige Berufe sind für junge Menschen nicht mehr attraktiv genug oder versprechen wenig Zukunftschancen wegen der Arbeitsbedingungen und der Bezahlung.

Dazu gehören klassische Handwerksberufe wie Bäcker, aber auch Jobs aus dem Hotel- und Gastronomiegewerbe. Nachtschichten, Wochenendarbeit, Durchschnittslöhne, die kaum über dem Mindestlohn liegen und Ausbildungsvergütungen, die sich auf dem Niveau eines Minijobs befinden und Berufsbilder, die wenig Aufstiegschancen und Sicherheit versprechen: All diese Faktoren machen es für Unternehmen schwer, Nachwuchs für die betriebliche Ausbildung zu finden.

Bildungsministerin Anja Karliczek (CDU) sagte den Partnerzeitungen der Neuen Berliner Redaktionsgesellschaft, sie glaube nicht, dass die Höhe der Ausbildungsvergütung ausschlaggebend für die Wahl einer Lehrstelle sei. Wichtig seien auch Aufstiegsmöglichkeiten, Arbeitszeiten, Arbeitsbedingungen und Ansehen.