"Der Urwald ist verloren" – Seite 1

Im Amazonasbecken brennt der Wald – und der Fokus der Berichterstattung liegt auf den Feuern in Brasilien, wo Präsident Jair Bolsonaro den Wald aus wirtschaftlichen und geostrategischen Gründen erschließen will. Für ihn (und das ihn unterstützende Militär) ist der Amazonas Sinnbild der Souveränität Brasiliens.

Bolsonaro ist rechts – aber linke Regierungen sind in Lateinamerika nicht unbedingt besser für die Umwelt. In Bolivien hat etwa der sozialistische Präsident Evo Morales Anfang Juli "kontrollierte Brände" per Dekret erlaubt, um Viehweiden und Ackerflächen zu gewinnen. Wenig später zerstörten Feuer auch in Bolivien Hunderttausende Hektar Wald.

Sheyla Martínez ist Koordinatorin des Grupo de Trabajo Cambio Climático y Justicia, einem Netzwerk von nach eigenen Angaben mehr als 40 bolivianischen NGOs, die zu Klimawandel, Ressourcenausbeutung und Entwicklung arbeiten. Im Interview spricht sie über die Hintergründe.

ZEIT ONLINE: Frau Martínez, wie schlimm sind die Feuer im bolivianischen Amazonasgebiet im Moment?

Sheyla Martínez: Das hängt davon ab, wohin man schaut. Die Brände haben im tropischen Trockenwald des Chiquitano begonnen, auf dem Gebiet der Gemeinde San Ignacio de Velasco, und von dort breiteten sie sich bis zur brasilianischen Grenze aus. Dort war der Ort Roboré besonders schlimm betroffen. In Roboré ist das Feuer inzwischen unter Kontrolle – wegen der Löscharbeiten, aber einfach auch, weil schon so viel Vegetation verbrannt ist. In San Ignacio de Velasco und anderen Gemeinden aber brennt es immer noch. Die Landschaft ist sehr trocken. Da reicht ein Windstoß aus, um die Flammen wieder anzufachen. Mehr als eine Million Hektar Wald und Grasland sind bereits verbrannt.

ZEIT ONLINE: Grasland?

Martínez: Ja, denn die Viehzucht breitet sich in der Region aus, und die Weideflächen wachsen – zulasten des Urwalds

ZEIT ONLINE: Der Chiquitano-Wald liegt im Department Santa Cruz, aber das bolivianische Amazonasgebiet ist deutlich größer. Wie ist die Situation anderswo?

Martínez: Die allermeisten Feuer, etwa 80 Prozent, brennen in Santa Cruz. Dort befindet sich das wirtschaftliche Zentrum Boliviens, also die Agrarindustrie, der Sojaanbau und die Rinderzucht. Wenn in Bolivien die landwirtschaftlichen Flächen ausgeweitet werden sollen, wie es die Regierung plant, dann geschieht das vor allem in Santa Cruz: Feuer werden gelegt, um zu roden, und dann geraten sie außer Kontrolle.

ZEIT ONLINE: Was sind die Folgen der Brände?

Martínez: Pflanzen und Tiere verbrennen, ursprüngliche Arten gehen verloren. Als ich wegen der Brände San Ignacio de Velasco besuchte, war die Luft dort voller Asche. Man konnte kaum atmen. Santa Cruz de la Sierra, die Hauptstadt des Departments, liegt zehn bis zwölf Stunden von San Ignacio de Velasco entfernt. Sogar dort war die Luft wegen der Brände verschmutzt. Die Bewohnerinnen und Bewohner klagten über Augenreizungen und Atemwegsschwierigkeiten. In der Region leben viele indigene Gemeinschaften davon, was der Wald hergibt. Sie sammeln, verarbeiten und verkaufen seine Produkte. Sie haben ihre Existenzgrundlage verloren. Wegen der Trockenheit haben viele Gemeinden außerdem kein Wasser, darunter leidet auch das Vieh. Mancherorts ist die Nahrungsmittelsicherheit der Menschen in Gefahr.

ZEIT ONLINE: Gibt es Hilfe?

Martínez: Die Regierung schickte eine Boeing 747 und Helikopter, um die Brände zu löschen. Am Boden sind Soldaten, Feuerwehrleute und viele Freiwillige im Einsatz. Es gab Spendenaufrufe für die vom Feuer betroffenen Gemeinden, und was gegeben wurde, deckt zumindest den Notbedarf für die erste Zeit. Aber was danach kommt, ist nicht klar. Viele Menschen werden einige Wochen oder Monate überbrücken müssen.

ZEIT ONLINE: Was haben die Feuer mit der Politik der Regierung zu tun?

"Manche denken, es sei damit getan, einfach neue Bäume zu pflanzen"

Martínez: Die bolivianische Regierung betreibt seit Jahren eine Politik, die das große Agrarbusiness und Exporte in großem Maßstab fördert. Dafür weicht sie die Strafen für Umweltschutzverstöße auf und lockert Vorschriften. Dieses Entwicklungsmodell hat sich in den vergangenen Jahren stabilisiert, und die Brände sind eine Folge davon. Im Moment haben die Behörden zwar alle Genehmigungen für Brandrodungen ausgesetzt. Aber es brennt immer noch, und die Leute roden weiter. Das Fehlen von Umweltbewusstsein unter den Personen, die davon profitieren, ist erstaunlich.

ZEIT ONLINE: Bolivien ist ein armes Land, und die Regierung will jetzt China als Markt für bolivianische Rindfleischexporte erschließen. Wie wichtig ist das für die wirtschaftliche Entwicklung?

Martínez: In der vergangenen Woche gab es tatsächlich die erste Fleischlieferung aus Bolivien an China. Das hat mit einem strukturellen Problem unseres Landes zu tun. Bisher war der Verkauf von Erdgas ins Ausland besonders wichtig für die bolivianische Wirtschaft. Aber der Preis von Erdgas ist gesunken, und die Reserven wurden kleiner. Um das auszugleichen, fördert man jetzt den Export von Fleisch und Soja. Ich denke, man müsste das besser regulieren. Wir müssen nicht auf den Export verzichten. Aber zumindest sollten die Unternehmer, die von Geschäften mit den Ressourcen aller Bolivianerinnen und Bolivianer profitieren, nicht mehr entwalden.

ZEIT ONLINE: Sieht das eine Mehrheit der Bevölkerung auch so?

Martínez: Nach den Bränden in der Chiquitanía gab es Demonstrationen in einem Ausmaß, wie ich es noch nicht erlebt habe. Vor allem junge Leute gingen auf die Straße, aber die Regierung weigert sich bislang, ihren Forderungen nachzugeben. Aber im kommenden Monat sind Präsidentschaftswahlen, vielleicht wird sie sich doch noch bewegen.

ZEIT ONLINE: Ist es möglich, die verbrannten Flächen wieder aufzuforsten?

Martínez: Die Regierung will aufforsten, aber wir wissen nicht, nach welchen Kriterien. Manche denken, es sei damit getan, einfach neue Bäume zu pflanzen. Aber wir brauchen einen Wald, der an die lokalen Gegebenheiten angepasst ist, der sich an die ökologischen Erfordernisse und nicht an die kommerziellen anpasst. Wie genau der aussehen könnte, müsste man erst einmal untersuchen. Außerdem braucht der Boden Zeit, um sich zu erholen. Manche Fachleute sagen, dass es 200 Jahre dauern wird, bis der Wald seine ökologischen Funktionen wieder ausüben kann – und vielleicht wird es nie wieder so ein Habitat für Flora und Fauna werden wie früher. Der Urwald ist verloren.

ZEIT ONLINE: Was bedeuten die Feuer für den Amazonaswald insgesamt?

Martínez: Man spürt die Wirkungen jetzt schon. Die Regenfälle sind durch die Entwaldung intensiver und kürzer geworden. Die Trockenzeit hält länger an, und es regnet weniger als früher. Es wird wärmer. Die Winde werden stärker. Wir spüren extreme Wetterereignisse, etwa Hagel oder Schneefall, selbst an Orten, an denen so etwas praktisch nie vorkam. Teile der Wälder fungieren als biologische Korridore für bestimmte Tierarten – ob die Brände auch deren Wanderwege beeinflussen, hat man noch nicht ganz verstanden. Und natürlich wird durch die Feuer CO2 frei, was den Klimawandel und die beschriebenen Effekte noch verstärkt.