Wenn Brandenburgs Oberförster Dietrich Mehl den Waldumbau erklären soll, hält er sich nicht lange mit Worten auf. Er lässt Hund Betty hinten ins Auto springen, schiebt die Baumsäge auf den Vordersitzen zur Seite und fährt mit dem Besuch los, in den mit 22.000 Hektar zweitgrößten Landeswald von Brandenburg. Nach wenigen Minuten stoppt er, Betty darf nach Mäusen suchen, der Besuch mit in den Wald. Abseits des Weges stehen alte, dicke Buchen und Nadelbäume, dazwischen drängeln sich Dutzende besenstieldünne Buchen nach oben zum Licht. Mehl hat hier weder gesät noch gepflanzt, er hat es dem Wald überlassen, das ist eine seiner liebsten Strategien. "Die Naturverjüngung und das Säen von Bäumen ist besser, als zu pflanzen, weil die Bäume besser mit dem Standort zurechtkommen", sagt er.

In den kommenden Jahren werden er und seine Mitarbeiter nur hin und wieder kleine Bäume heraussägen, damit die wertvollen Bäume mehr Licht und Platz haben. Waldumbau, sagt der bedächtige Mecklenburger, brauche Zeit. Manchen zu lange. Und auch wenn die Hälfte seines Waldes das Gütesiegel FSC für nachhaltigen, ökologischen Waldbau führt, sei sein Forstamt kein Naturschutzzentrum, betont er:  "Wir verfolgen ganz klar auch wirtschaftliche Ziele, wir wollen wertvolle Bäume."

Waldumbau ist spätestens seit den Waldbränden der vergangenen beiden Jahre ein wichtiges Thema in der Klimadebatte, auch auf dem Waldgipfel von Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner am heutigen Mittwoch in Berlin. In Brandenburg, mit seinen ausgedehnten Kiefernwäldern und einem Waldbrandrisiko so hoch wie in Spanien und Portugal, ist der Umbau schon lange ein politisches Ziel. Allein dieses Jahr brannte es bereits mehr als 300 Mal.

Doch die privaten Waldbesitzer, denen etwa 60 Prozent der 1,1 Millionen Hektar gehören, ziehen nicht richtig mit. Im bisher letzten Förderprogramm versuchte man, die 100.000 privaten Waldbesitzer mit 50 Millionen Euro zu locken. "Standortgerechte, naturnahe, klimaplastische und produktive" Wälder sollen so entstehen, nachhaltig bewirtschaftet, heißt es hoffnungsvoll in der Waldvision 2030, einer Art Strategiepapier des Landwirtschaftsministeriums. Doch von dem Geld sind immer noch 14 Mio. Euro übrig, in den vergangenen Jahren wurden nur 4.200 Hektar von privaten Waldbesitzern umgebaut.

Ein Hauptgrund ist die kleinteilige Besitzstruktur. Viele Waldbesitzer haben gerade mal zwei, drei Hektar, wohnen in der Stadt und kümmern sich selten. "Die Förderung haben überwiegend Waldbesitzer mit größeren Flächen in Anspruch genommen", sagt Carsten Leßner, Leiter der Obersten Jagd- und Forstbehörde in Brandenburg. Hinzu kommt: Viele Besitzer seien älter. "Sie erleben den Erfolg des Umbaus nicht mehr und zögern deswegen." Denn wer nicht nur seinen Wald genießen, sondern auch Geld sehen will, muss Geduld haben: Bis Kiefern oder Buchen erntereif sind, braucht es mindestens 60, bei einer Eiche auch mal 180 Jahre.  

Ein weiteres Problem: Die Anträge seien mit bis zu 20 Seiten lang und kompliziert, kritisiert der Geschäftsführer des Waldeigentümerverbandes, Alexander Zeihe. Das Prozedere ist zeitraubend. "Dann muss das der Waldbesitzer vorfinanzieren – bei einer Aufforstung sind das bis zu 10.000 Euro pro Hektar", sagt Zeihe. Danach kann er sein Werk aber nicht sich selbst überlassen, sondern muss den Umbau regelmäßig kontrollieren: "Wenn Wild die jungen Bäume beschädigt, muss die öffentliche Förderung zurückgezahlt werden", sagt Zeihe.

"Es wird zu wenig gejagt"

Der Verbiss, heißt es bei Forstbehörde und Förster unisono, sei ohnehin das größte Problem. Die Hälfte der jungen Bäume in Brandenburg leidet stark unter den vielen Rehen, Hirschen und dem Damwild. Eichen sind besonders betroffen, wie es in der Waldinventur 2015 heißt. Und nicht nur die jungen Bäume werden geschädigt. Oberförster Mehl führt zielsicher zu Kiefern, deren Rinde zentimetertief aufgerissen ist, schwarz vom herausgelaufenen Harz: Hirsche haben die Rinde mit ihren Zähnen heruntergeschält. Der Baum ist schwer geschädigt.    

"Es wird zu wenig gejagt", sagt Leßner von der Forstbehörde. Dabei hat das Bundesland bereits 2014 den Abschussplan für Rehe – wie andere Bundesländer auch – abgeschafft, um mehr Jagd zu ermöglichen. "Wir haben bei der Jagd alle Bremsen herausgenommen, die Jäger dürfen mehr schießen, aber sie tun es nicht." Die offizielle Statistik zeigt: Trotz der Freigabe schießen die Jäger in Brandenburg jedes Jahr gleich viele Tiere, nur die Zahl der gejagten Wildschweine hat sich erhöht.  

Oberförster Mehl, selbst Jäger, ist davon nicht betroffen. In seinem Revier wird viel gejagt, so viel, dass er sich Zäune sparen kann. "Bei uns ist der Verbiss in weiten Teilen kein Problem mehr, wir haben die Wildbestände relativ gut im Griff", sagt er. In seinem Wald dürften Jäger "so viel schießen, wie möglich ist". Mehl hat die Zahlen des Wildbestandes akribisch aufgearbeitet: "Seit 1957 ist der Wildbestand in Brandenburg um mehr als tausend Prozent gestiegen", sagt er. Auch im Nachbarrevier bei Massow, einem der größten privaten Besitztümer in Brandenburg, rücken Jäger und Treiber mit Hunden dem Wild auf Drückjagden zu Leibe, um den Umbau zu schützen. Doch das ist die Ausnahme.