Der Wirtschaftswissenschaftler Dennis Snower ist Präsident und Gründer der Global Solutions Initiative, die die G20-Staaten in politischen und wirtschaftlichen Fragen berät. Er ist Professor an der Hertie School of Governance und war lange Präsident des Instituts für Weltwirtschaft in Kiel.

ZEIT ONLINE: Herr Snower, erleben wir gerade, wie Boris Johnson mit seinem Populismus an der Realität scheitert?

Dennis Snower: Im Gegenteil. Boris Johnson ist in einer stärkeren Position, als man gerade von außen vermuten möchte. Er versteht die Wählerinnen und Wähler sehr gut. Er weiß, wie man an die Macht kommt und sie behält. Das ist den traditionellen Demokraten nur nicht so bewusst. Es gibt in Großbritannien eine derzeit sehr erfolgreiche Brexit-Partei, angeführt vom EU-Gegner Nigel Farage. Wenn Johnson hier nicht nahe dran ist, wird er im konservativen Lager an Zustimmung verlieren.

ZEIT ONLINE: Im Moment wirkt es eher verzweifelt, wie Johnson agiert.

Snower: Es gibt zwei Arten von Politikern. Der eine Typus vertritt, so gut er kann, die Interessen möglichst großer Teile der Bevölkerung, versucht, die Menschen zu einen und so eine nationale Identität zu schaffen. Der andere fährt einen genau entgegengesetzten Kurs. Das Ziel solcher Politikertypen wie Boris Johnson ist es, einen Teil der Bevölkerung gegen den anderen aufzubringen und die Nation zu spalten. Diese Art der Politik ist für das Land sehr schädlich, aber sie führt einfacher zum Erfolg, weil das menschliche Gehirn mehr auf Gefahren eingespielt ist. Wenn man die Menschen gegeneinander aufhetzt, erhält man Aufmerksamkeit. Wie Johnson.

ZEIT ONLINE: Lässt sich der Konflikt zwischen Parlament und Regierung überhaupt noch auflösen?

Snower: In einer Hinsicht ist die Demokratie gescheitert, aber das war schon beim Referendum vor drei Jahren so. Dieses Referendum war ganz eindeutig illegal. Politische Werbung ist normalerweise stark reguliert, aber genau diese Regulierung wurde untergraben durch die sozialen Medien und diejenigen, die sich dort eingekauft haben.

ZEIT ONLINE: Trotzdem sagen die meisten Abgeordneten, dass sie sich an das Votum des Referendums halten wollen. Gibt es überhaupt noch eine Möglichkeit zum Kompromiss?

Dennis Snower © IfW/​Christina Kloodt

Snower: Niemand weiß, was die Briten eigentlich noch wollen. Das würde man nur erfahren, wenn es ein zweites Referendum gäbe. Oder eine Neuwahl. Obwohl ein zweites Referendum eine klarere Aussage liefern würde. Wenn die Menschen gefragt würden, ob sie lieber mit Abkommen oder ohne aus der EU austreten wollten, würden sie wahrscheinlich für ein Abkommen stimmen. Die dritte Wahlmöglichkeit könnte sein, doch in der EU zu bleiben. Es gibt genügend Möglichkeiten, die Bevölkerung jetzt noch einmal präzise nach ihrer Meinung zu fragen.

ZEIT ONLINE: Bisher jedoch ist immer noch die wahrscheinlichste Variante ein Austritt ohne Abkommen. Ist der No Deal wirklich eine Katastrophe oder doch nicht so schlimm?

Snower: Natürlich muss sich die britische Regierung für den schlimmsten Fall vorbereiten, wenn sie verantwortlich handeln will. Das bedeutet aber nicht, dass der schlimmste Fall auch eintritt. Schlimm ist aber, dass wahrscheinlich die meisten Briten denken, bei einem No Deal sind wir endlich draußen und die EU los. Dass die Verhandlungen mit der EU über Handelsabkommen dann erst beginnen und zehn oder 20 Jahre lang andauern können, ist den wenigsten klar.

ZEIT ONLINE: Damit ist aber noch nicht gesagt, wie schlimm es wird.

Snower: Das kann man auch kaum voraussagen. Problematisch ist aber, dass die EU-Befürworter immer mit dem schlimmsten Szenario gedroht haben. Wenn jetzt bei einem No Deal die Lebensmittelversorgung doch nicht zusammenbricht und die Medikamente alle geliefert werden, dann wird das wieder Nigel Farage und den anderen extremen Brexit-Anhängern nutzen. Sie werden sagen können: Seht mal, doch nicht so schlimm alles.

ZEIT ONLINE: Abgesehen von den politischen Konsequenzen – wie schlimm wird es denn jetzt wirklich?

Snower: Normalerweise schaut man auf die Daten und Statistiken vergleichbarer Ereignisse in der Vergangenheit und kann dann eine Wahrscheinlichkeit schätzen. Aber das ist hier nicht möglich. Es ist radikal unsicher.

ZEIT ONLINE: Nehmen wir an, der erste Schock wird gut überstanden. Kann die britische Wirtschaft, so wie es viele Briten hoffen, mittelfristig autarker und dadurch stärker werden, auch weil der Außenhandel weniger attraktiv wird?

Snower: Lassen wir uns auf ein einfaches Gedankenspiel ein. Jeder Mensch ist autark, baut sein eigenes Essen an und produziert die eigene Kleidung. Dann sind wir entwicklungsmäßig wieder in der Steinzeit angekommen. Dann würden wir allmählich anfangen, Handel zu treiben, merken, dass wir dadurch zu mehr Wohlstand kommen. Wir würden uns zusammenschließen in Städten und Nationen, bis wir irgendwann auf globale Wertschöpfungsketten kommen. Es ist illusorisch, heute von Autarkie zu träumen. Nationen stehen nicht mehr im Wettbewerb miteinander. Die meisten Güter und Dienstleistungen werden in vielen verschiedenen Ländern produziert.