Angela Merkel sucht den Schulterschluss mit der deutschen Automobilindustrie. Die Branche müsse im weltweiten Wettbewerb führend und stark bleiben, sagte die Bundeskanzlerin zur Eröffnung der Internationalen Automobilausstellung (IAA) in Frankfurt. "Das muss unser gemeinsames Ziel sein." Staat und Industrie müssten sehr eng kooperieren, da die Branche mit dem Umstieg auf klimafreundliche Antriebe eine große Aufgabe vor sich habe.

Auf den Protest von Klimaschutzaktivisten gegen Autos mit Diesel- und Benzinmotoren ging die CDU-Politikerin nicht direkt ein, sagte aber: "Heute ist die Automobilindustrie eine ganz wesentliche Branche für den wirtschaftlichen Erfolg unseres Landes." Sie gebe Hunderttausenden Menschen Beschäftigung und Sicherheit.

Während des Messerundgangs der Kanzlerin stiegen Aktivisten der Umweltschutzorganisation Greenpeace den Autokonzernen Volkswagen und BMW buchstäblich aufs Dach: Sie kletterten auf ausgestellte Wagen mit Verbrennungsmotoren und hielten Schilder mit der Aufschrift "Klimakiller" hoch. "Bitte schaffen Sie Diesel und Benzin ab, wenn Sie das Klimapaket machen", rief eine Aktivistin.

Einer der Anlässe für den Protest ist der für 20. September erwarteten Klimaschutzplan der Bundesregierung. Umweltschutzverbände haben für Samstag unter dem Slogan Aussteigen zu einer Großdemonstration aufgerufen, um für einen sofortigen Stopp von Autos mit Kohlendioxid-Ausstoß Druck zu machen. Die Gruppe "Sand im Getriebe" plant für Sonntag, den Eingang zur IAA mit Hunderten Teilnehmern zu blockieren.

Vor zwei Jahren noch hatte Merkel die Eröffnung der Autoschau genutzt, um den Konzernen ins Gewissen zu reden. Damals waren gerade die Abgasmanipulationen bekannt geworden. Jetzt merkte sie nur an, dass die Diskussion um unzulässige Abschalteinrichtungen "zu einem Vertrauensverlust geführt hat mitten in einem riesigen Wandel." Sie zeigte Verständnis dafür, dass die Autoindustrie mit der Senkung des CO2-Ausstoßes von Autos bis 2030 um 40 Prozent eine "Herkulesaufgabe" vor sich habe. Den Umbruch wolle die Bundesregierung politisch begleiten, etwa indem der Staat noch mehr beim Aufbau der Ladeinfrastruktur für Elektroautos helfe. Nötig sei auch ein Standard für autonomes Fahren und den Umgang mit Daten der Autofahrer.

Der Präsident des Verbandes der Automobilindustrie (VDA), Bernhard Mattes, forderte, die vergangenes Jahr in der Europäischen Union beschlossenen Abgasgrenzwerte dürften nicht verschärft werden. Zunächst müsse es eine ausreichende Ladeinfrastruktur für Elektroautos geben. "Lassen Sie uns das, was vereinbart ist, erst einmal abarbeiten und erreichen." Die Industrie bekenne sich zu den Pariser Klimaschutzzielen, sagte er. "Individuelle Mobilität und Klimaschutz sind kein Widerspruch."

Mehr Ausstoß weltweit als Deutschland

Die deutschen Konzerne zeigen auf der IAA die ersten Serienfahrzeuge einer neuen Generation von E-Autos mit größerer Reichweite – so etwa Volkswagen den ID.3, Daimler den Mercedes EQC oder Opel den Elektro-Corsa. Greenpeace kritisierte, dass nur ein Viertel der neu vorgestellten Pkw auf der IAA reine Elektroautos seien. Allein die von den drei deutschen Autokonzernen VW, Daimler und BMW weltweit produzierten Autos hätten mehr CO2 verursacht, als Deutschland in einem Jahr ausstoße.

In Streitgesprächen und Podiumsdiskussionen versucht die Industrie, ihre Kritikerinnen davon zu überzeugen, dass sie mit ihren Plänen für viele neue E-Autos in den kommenden Jahren schon auf dem Weg zu klimafreundlicher Mobilität ist. Dazu gehört allerdings auch, dass der Strom für die Autos künftig aus erneuerbaren Energiequellen kommt. Merkel sagte, es sei fraglich, ob das Ziel von 65 Prozent grünem Strom bis 2030 angesichts des langsamen Leitungsausbaus und des Widerstands der Bevölkerung gegen Windenergie zu schaffen sei und überhaupt ausreiche.

Rede auf Facebook veröffentlicht

Die IAA leidet in diesem Jahr neben den Protesten unter Ausstellerschwund: Die Zahl der teilnehmenden Firmen sank um ein Viertel auf 800. Einige große Hersteller wie Toyota oder Fiat kamen nicht. Der Veranstalter VDA, dem die Autoherstellerfirmen und Zulieferer in Deutschland angehören, will das Konzept der Messe überdenken. 

Hinzu kommt ein weiterer Konflikt: Der Oberbürgermeister von Frankfurt am Main, Peter Feldmann (SPD), sprach nicht bei der Eröffnung. Der VDA habe das Protokoll geändert und Feldmann nicht mehr als Redner vorgesehen, sagte Feldmanns Büroleiter Nils Bremer der Frankfurter Rundschau und sowie dem Hessischen Rundfunk.

Feldmann wollte sich in der Rede kritisch mit der Automobilindustrie auseinandersetzen. "Frankfurt braucht mehr Busse und Bahnen, aber nicht mehr SUVs", war demnach eine seiner Forderungen im Manuskript, das er auf Facebook veröffentlichte. Außerdem wollte der Oberbürgermeister sich bei den Demonstranten gegen die IAA bedanken.