Neurochirurgen, die einen Hirntumor operieren wollen, lassen dem Kranken vorher gern ein rosafarbenes Getränk namens Gliolan verabreichen. Es färbt die Tumorzellen intensiv rot und hilft so dem Arzt, ihn genau zu lokalisieren. In Großbritannien heißt die Flüssigkeit deswegen auch Pink Drink, der britische Nationale Gesundheitsdienst setzt sie mittlerweile landesweit in Kliniken ein. Das Medikament wird ausschließlich von dem deutschen Pharmaunternehmen Medac hergestellt und in Großbritannien vertrieben.

Was den Pink Drink angeht, können die britischen Patienten aufatmen: Die Versorgung werde vom Brexit betroffen sein, aber das Medikament sei in ausreichender Menge vorhanden, versichert das Unternehmen. Bei anderen Präparaten von Medac könnte es allerdings mit einem No-Deal-Brexit zu Engpässen kommen – die Frage ist nur, wo in Europa.

Das hat mit Vorbereitungen für den Fall der Fälle zu tun, die eigentlich gut gemeint sind. Schon vor einem Jahr hatte der britische Gesundheitsminister Matt Hancock pharmazeutische Unternehmen in Deutschland und England angeschrieben und freundlich, aber unmissverständlich darum gebeten, die Medikamentenlager aufzustocken. Auch Medac. Für den mittelständischen Hersteller aus Wedel bei Hamburg eine schwierige Situation. Nicht nur, weil eine größere Vorratshaltung bedeutet, mehr Geld in der Produktion auszugeben und Lagerplatz zu finden. "Wir stehen auch vor ethischen Herausforderungen, dass wir andere Länder mit bestimmten Arzneimitteln nicht versorgen können", sagt Vertriebschef Lasse Lehnert.

Bei vielen Medikamenten sei ein größerer Vorrat kein Problem, erklärt Lehnert: "Dann werden eben Zusatzschichten gefahren. Aber wenn wir bei einer Produktion bereits Volllast fahren, heißt das, dass wir die Nachfrage anderer Länder nicht bedienen können. Dieses Szenario müssen wir derzeit ernsthaft durchspielen." Welche Produkte davon betroffen sein könnten, will das Unternehmen nicht offenlegen – um einen Run darauf zu vermeiden.

"Sie wissen, dass die Umstände sich schnell ändern können"

Die zusätzliche Vorratshaltung ist nur ein Beispiel, womit sich Unternehmen wie Medac derzeit fast täglich auseinandersetzen müssen. Denn für sie ist der EU-Austritt der Briten eine besondere Herausforderung, stellte das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung bereits 2016 in einer Studie für die Stiftung Familienunternehmen fest: Die Pharmaindustrie sei durch hohe Abhängigkeiten "die mit Abstand am stärksten betroffene Branche". So gehen monatlich aus Großbritannien rund 45 Millionen Medikamentenpackungen nach Europa, umgekehrt sind es 37 Millionen Packungen. Ein hochsensibles Geschäft, denn es geht um die rechtzeitige und ausreichende Versorgung von Kranken.

Seit Monaten kursieren in England Berichte, bei welchen Medikamenten es im Fall eines No-Deal-Brexits zu Lieferengpässen kommen könnte. Großkonzerne wie Merck und Astra Zeneca haben bereits vor Monaten begonnen, die Lager aufzustocken. Ob das reicht, ist offen; das mittlerweile öffentlich gewordene Regierungsszenario "Yellowhammer" vom August dieses Jahres warnt immer noch vor Engpässen. Und noch Anfang September schrieb das britische Planungszentrum für die medizinische Versorgung zahlreiche Pharmaunternehmen an und bat darum, doch bitte unbedingt jede Änderung bei der Lagerhaltung und den Transportwegen umgehend zu melden: "Sie wissen, dass die Umstände sich schnell ändern können."

Vor allem für die Mittelständler sind die notwendigen Maßnahmen eine zeitlich wie finanziell umfangreiche Investition. "Wir schlagen ja nur noch die Hände über dem Kopf zusammen. Das ist für uns wirklich ein Herantasten an den Abgrund", beschreibt Medac-Geschäftsführer Jörg Hans die Stimmung. Jede Terminverschiebung fordere eine neue Steuerung der Produktpalette heraus, auch mit Blick auf die Haltbarkeitsdaten mancher Medikamente. Zentrale Sorge ist eine potenzielle Grenzschließung: "Derzeit braucht der Transport nur einige Tage, dann müssen wir mit Wochen rechnen. Das ist bei Produkten, die temperatursensibel sind, ein Problem: Was passiert in der Zeit mit den Containern?"