Noch elf Tage bis zum 20. September: An dem Tag will die große Koalition ihren Plan für ein Klimaschutzgesetz vorstellen, und je näher er rückt, desto konkreter werden die Vorschläge dafür. Vor Kurzem legten Union und SPD ihre Positionen fest – jetzt wird es darauf ankommen, daraus ein einheitliches, stimmiges Konzept zu formulieren.

Inzwischen fordern auch Unternehmen ein ambitioniertes Klimaschutzgesetz. Sie sind organisiert in der Stiftung 2 Grad, einer Initiative von Vorstandsvorsitzenden, Geschäftsführern und Familienunternehmern, die sich für den Klimaschutz engagieren. Mehr als 30 Firmen, darunter Konzerne der Auto-, Zement- und Stahlbranche, haben an den Diskussionen teilgenommen, die zum Positionspapier der Stiftung geführt haben. Sabine Nallinger, Vorständin der Stiftung 2 Grad, spricht über die Forderungen.

ZEIT ONLINE: Frau Nallinger, was erwarten die Unternehmen vom Klimakabinett?

Sabine Nallinger: Ein ganz zentrales Instrument ist, dass man einen Preis auf die Kohlendioxidemissionen erhebt. Ob der Preis in Form einer Steuer erhoben wird oder innerhalb eines Emissionshandels, ist für uns nebensächlich; die genaue Ausgestaltung überlassen wir der Politik. Wichtig ist aber: Der Preis muss schnell kommen, er muss an den Pariser Klimazielen ausgerichtet sein, er muss sozialverträglich und innovationsfördernd sein.

Daneben kommt es darauf an, die einzelnen Sektoren der Wirtschaft – Gebäude, Verkehr, Industrie – durch die richtigen Abgaben-, Steuer- und Förderprogramme beim Umbau hin zu einer klimafreundlichen Wirtschaftsweise zu unterstützen. Das ganze System muss überprüft und reformiert werden.

ZEIT ONLINE: Was heißt das konkret?

Nallinger: Ein Beispiel: Zum Teil fördert die öffentliche Hand über bestimmte Steuern oder Subventionen immer noch die Nutzung fossiler Energien. Die Bundesregierung müsste das Steuern-, Abgaben- und Subventionssystem aber grundlegend so ausrichten, dass es zu den Pariser Klimazielen passt.

ZEIT ONLINE: Was müsste in den einzelnen Sektoren passieren?

Nallinger: Fangen wir mit dem Gebäudebereich an. Da stehen riesige Investitionen an. Die Sanierungsrate liegt derzeit bei etwa einem Prozent des Gebäudebestands – das Dreifache wäre mit Paris kompatibel, aber diese Rate ist nur mit den richtigen staatlichen Förderprogrammen erreichbar. Im Verkehrssektor geht es uns einerseits um den Ausbau des Schienenverkehrs und des ÖPNV, andererseits darum, dass die Elektromobilität schneller wächst. Wir wollen, dass die Unternehmen dazu befähigt werden, ihren Fuhrpark umfassend zu elektrifizieren. Außerdem muss das Steuersystem klimafreundlich umgebaut werden, in dem Fall: die Kfz-Steuer.

ZEIT ONLINE: Sie fordern Steuernachlässe, Investitionen, neue Förderprogramme. Die kosten. Wer soll das bezahlen?

Nallinger: Konsequenter Klimaschutz bedeutet, dass wir unsere Wirtschaft ganz grundsätzlich umbauen. Das ist eine Jahrhundertaufgabe, die viele Milliarden kosten wird. Wir können das nur gemeinsam stemmen. Die Unternehmen beispielsweise können den Umbau nur gemeinsam mit einem Staat schaffen, der die richtigen Rahmenbedingungen setzt und sie auch finanziell unterstützt.

Zum Beispiel in der Stahlindustrie: Dort arbeiten die Konzerne derzeit an grünem, nahezu CO2-freiem Stahl. Das kostet, sie müssen die Technologie entwickeln und einen Markt schaffen. Letzteres ist aber gar nicht so einfach, denn der grüne Stahl hat am Ende genau die gleichen Eigenschaften wie Stahl, der anderswo in herkömmlichen Verfahren gewonnen wird – und billiger verkauft werden kann. Da wäre es hilfreich, wenn beispielsweise die EU die Verwendung von grünem Stahl in der Autoindustrie als klimafreundlich anerkennen würde und hier einen Anreiz setzt.

ZEIT ONLINE: Aber die Entwicklung von grünem Stahl wird doch bereits finanziell vom Staat gefördert.

Nallinger: Die öffentliche Hand fördert schon immer die Forschung an neuen Technologien. Die Frage ist doch: Fließt das Geld gezielt dorthin, wo es dem Klima nützt, und kommen die klimafreundlichen Technologien auch wirklich auf den Markt?