Berlin-Kreuzberg am Tag nach der Hiobsbotschaft: Ayhan Kafadaroğlu sitzt an seinem Schreibtisch im Reisebüro Özçakır. Er ist noch nicht dazu gekommen, sein Namensschild auszutauschen. Auf der Plakette vor ihm steht in fetten Lettern: Thomas Cook. Auch die Regale sind noch voll mit dem blau-gelben Werbematerial des zweitgrößten Reiseveranstalters Europas. In den nächsten Tagen muss das wohl alles raus.

Thomas Cook hat in der Nacht zu Montag Insolvenz angemeldet. Der britische Konzern ist zahlungsunfähig. Auch deutsche Tochterunternehmen wie Öger Tours haben daraufhin den Verkauf von Reisen gestoppt. "Die wurden früher viel gebucht", sagt Kafadaroğlu und klingt dabei fast schon sentimental. Droht dem Türkei-Tourismus die nächste große Krise?

Das Geschäft mit Reisen in die bunte Metropole Istanbul oder an die Strände der türkischen Riviera hatte sich eben erst erholt. Nach einer Serie von Terroranschlägen 2015 und dem versuchten Putsch 2016 blieben die Buchungen lange Zeit aus. Zunächst kompensierten russische Urlauber den Ausfall. Doch dann flogen auch Reisende aus Deutschland in Massen an die türkische Mittelmeerküste. Die Besucherzahlen im Zeitraum Januar bis Juli stiegen von 1,9 Millionen im Jahr 2017 auf 2,3 Millionen im Jahr 2018. Dann legten sie nochmals auf fast 2,7 Millionen in den ersten Monaten dieses Jahres zu. Nach Angaben des Deutschen Reiseverbands ist die Türkei nach Spanien das zweitbeliebteste Flugpauschalreiseziel der Deutschen. 

Ist dieses Comeback nun schon wieder vorbei? Es wäre wohl nicht nur ein Tiefschlag für den Türkei-Tourismus, sondern für die geschwächte türkische Wirtschaft insgesamt. Der Fremdenverkehr ist laut dem World Travel and Tourism Council mit zwölf Prozent Anteil am türkischen Bruttoinlandsprodukt nach der Bauwirtschaft schließlich der wichtigste Sektor des Landes. Er wächst am schnellsten.   

"Die Sache hat sich doch seit Monaten abgezeichnet"

Das Türkei-Geschäft ist seit Jahrzehnten eines der stärksten Segmente für Kafadaroğlus Reisebüro. "Wir sind auf die Türkei spezialisiert, wir sind selber Türken, unser Standort ist in Kreuzberg, wo es die meisten Türken gibt", sagt er. Dennoch wirkt Kafadaroğlu angesichts der Cook-Pleite erstaunlich gelassen. "Die Sache mit Thomas Cook hat sich doch seit Monaten abgezeichnet", sagt Kafadaroğlu. Dass der Konzern Staatshilfe wollte, habe er durch Medienberichte gewusst. Er zog seine Konsequenzen: "Wir bieten schon lange keine Thomas-Cook-Reisen mehr an." Die letzte hat sein Reisebüro im Dezember verkauft. Namensschilder und Prospekte hätte er schon längst wegräumen können.

Auch andere deutsch-türkische Reisebüros in Kreuzberg haben sich längst aus dem Thomas-Cook-Geschäft zurückgezogen. Ein Besitzer, der nicht namentlich genannt werden möchte, fragt sich gar, ob er damit womöglich Mitschuld am Niedergang des einstigen Reiseriesens hatte. Ein anderer Büroinhaber sagt, die drohende Insolvenz sei für ihn nicht der einzige Grund gewesen, keine Thomas-Cook-Reisen mehr anzubieten. Sie seien zuletzt einfach zu teuer gewesen für seine Kreuzberger Kundschaft. FTI, Dertour und Alltours hätten längst die Lücke gefüllt, die sich durch den Niedergang von Thomas Cook eröffnet habe. Größere Verwerfungen für den Türkei-Tourismus erwarten die meisten deutsch-türkischen Reisebüros hier in Berlin-Kreuzberg deshalb nicht. Ist also alles halb so schlimm?

Zehntausende Thomas-Cook-Reisende in der Türkei

Im Reisebüro einer der Karstadt-Filialen Berlins entsteht ein völlig anderer Eindruck, was auch am Kundenprofil liegen dürfte. Einige der deutsch-türkischen Reisebüros in Kreuzberg bedienen fast ausschließlich die einstigen türkischen Gastarbeiter und ihre Kinder. Die buchten oft nur Flüge mit Turkish Airlines, SunExpress oder Pegasus, nicht unbedingt Pauschalreisen à la Thomas Cook. Anbieter wie Karstadt verkaufen dagegen oft die Komplettangebote, für die der britische Konzern bekannt ist. Und sie konnten oder wollten sich offenbar auch nicht frühzeitig aus dem Geschäft mit dem britischen Konzern zurückziehen, obwohl sich der Konkurs schon lange abzeichnete. Auf eine Anfrage von ZEIT ONLINE dazu reagierte Karstadt nicht.