Man sagt den Deutschen bekanntlich nach, dass sie ein Volk von 80 Millionen Bundestrainern seien. Was damit gemeint ist: Jeder glaubt zu wissen, welche Spieleraufstellung und welche Taktik den nächsten Weltmeistertitel einbringt. Ganz offensichtlich sind die Deutschen auch ein Volk von 80 Millionen Zentralbankgouverneuren. 

Wer die deutsche Debatte über die Europäische Zentralbank verfolgt, der muss jedenfalls zu der Schlussfolgerung gelangen, dass Notenbankpräsident Mario Draghi mit seiner Nullzinspolitik, um bei der Fußballmetapher zu bleiben, im Abseits steht. Das billige Geld treibe die Mieten in die Höhe, lähme die Unternehmen und enteigne die Sparer. In der Welt war neulich sogar zu lesen, die niedrigen Zinsen sprengten "die Grundregeln unserer Gesellschaft".

Die Zinsflaute ist ein spätkapitalistisches Wohlstandsphänomen

Auffällig ist nur, dass die Lage nicht so recht zu solchen Horrorgemälden passen will. Ein paar Zahlen: Die Arbeitslosenquote ist so niedrig wie schon seit Jahrzehnten nicht mehr. Die Wirtschaft war, bis Donald Trump auf die Idee kam, einen Handelskrieg anzuzetteln, eigentlich in einer ganz guten Verfassung. Und was die Vermögen der deutschen Sparer angeht: Die fallen nicht, sie steigen. Mit insgesamt 6,17 Billionen Euro besaßen die Privathaushalte zum Ende des ersten Quartals laut Bundesbank ein so hohes Geldvermögen wie noch nie. Wenn Draghi wirklich einen Geheimplan zur Verarmung der Massen im Sinn hat, dann ist dieser Plan bislang nicht aufgegangen. 

Nun kann man natürlich argumentieren, dass uns das dicke Ende erst noch bevorsteht. Das kann durchaus sein. Wer weiß schon, was die Zukunft bringt. Es kann aber auch sein, dass der niedrige Zins weniger schädlich ist als vielfach angenommen – und mit der Politik der Notenbank auch nicht so viel zu tun hat.

Der Zins ist ja der Preis des Geldes und wie jeder Preis hängt er ab von Angebot und Nachfrage. Wirtschaftswissenschaftler wie der Bonner Ökonom Carl Christian von Weizsäcker argumentieren, dass das Geldangebot steigt. Warum? Weil beispielsweise die Menschen auf der ganzen Welt älter und reicher werden und deshalb mehr sparen können. Anders gesagt: Die Zinsflaute ist ein spätkapitalistisches Wohlstandsphänomen. Immer mehr Menschen überwinden die Armut und sind in der Lage, Ersparnis zu bilden. Deshalb steigt auch das Geldvermögen. Das Zeitalter der Kapitalknappheit wird durch ein Zeitalter des Kapitalüberschusses abgelöst. Das ist für sich genommen noch keine schlechte Nachricht.

Die Notenbank allein kann die Zinsen nicht anheben

Dafür spricht, dass der Zins ja nicht erst fällt, seit Mario Draghi in Frankfurt übernommen hat. Vielmehr geht das reale – also um die Inflation bereinigte – Zinsniveau schon seit Jahrzehnten zurück. Offensichtlich sind hier also fundamentalere ökonomische Kräfte am Werk. Dafür spricht auch, dass die Zinsen ja nicht nur in den Euroländern niedrig sind, sondern auch in den USA, in Großbritannien und in der Schweiz. Mario Draghi wäre schon ein sehr mächtiger Mann, wenn er für all das verantwortlich wäre. 

Wenn aber die These von den niedrigen Zinsen als Ergebnis weltweiter Ersparnisüberschüsse stimmt, dann hat das eine wichtige Konsequenz: Die Notenbank allein kann die Zinsen nicht dauerhaft auf ein höheres Niveau bringen. Dies wäre nur möglich, wenn die Unternehmen oder die Staaten die überschüssigen Ersparnisse aufnehmen – also mehr Geld ausgeben. Nicht Draghi, sondern Olaf Scholz macht den Zins. 

Es ist aber unwahrscheinlich, dass es gelingt, durch staatliche Maßnahmen das Überangebot an Kapital komplett zu binden. Deshalb werden wir uns womöglich daran gewöhnen müssen, dass die Zinsen niedrig bleiben. So, wie wir uns an andere Begleiterscheinungen der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Modernisierung gewöhnt haben. Es will schließlich auch niemand den Rechenschieber zurück.