Wieder stellt eine Untersuchung fest, dass die Ungleichheit bei den Einkommen in Deutschland gewachsen ist. Nach Angaben des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung hat diese Unwucht einen neuen Höchststand erreicht – obwohl in den vergangenen Jahren die Lage auf dem Arbeitsmarkt so gut wie nie war und sich auch die Konjunktur sehr lange gut entwickelte.

So stellt der aktuelle Verteilungsbericht des WSI fest, dass sich immer mehr Einkommen bei den sehr Reichen konzentriert. Der Grund wurde bereits in verschiedenen anderen Studien – zuletzt etwa von einer Untersuchung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) – beschrieben: Reiche profitieren von deutlich renditestärkeren Einnahmen aus Kapital-, Immobilien- und Unternehmenseinkommen. Und weil diese sehr viel stärker und schneller steigen als die Löhne und Gehälter, geht die Schere zwischen Wohlhabenden und allen anderen immer weiter auf. Vor allem die 40 Prozent der Haushalte mit den geringsten Einkommen sind der Studie zufolge weit zurückgefallen. Zu diesen Haushalten gehören vor allem Menschen, die prekär beschäftigt und in der Regel im Niedriglohnsektor tätig sind.

Hier gibt es zwar seit einigen Jahren einen Mindestlohn, doch dieser ist noch immer so niedrig, dass Menschen mit einem Mindestlohneinkommen auch nach 45 Beitragsjahren in der gesetzlichen Rentenversicherung auf Grundsicherung im Alter angewiesen sind. Außerdem zählen Millionen Alleinerziehende zu den Armen. Viele können wegen fehlender Kinderbetreuungsplätze – Vollzeitplätze in der Kita ebenso wie Vollzeitplätze im Hort, der an die Grundschule angeschlossen ist – nicht voll erwerbstätig sein.

Als arm gilt der Studie zufolge, wer weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung hat. Der Anteil der Armen an der Gesamtbevölkerung ist laut dem Bericht zwischen 2010 und 2016 von 14,2 auf 16,7 Prozent gewachsen.

Die Mittelschicht hingegen konnte in den vergangenen Jahren immerhin von Lohnsteigerungen, vor allem wegen guter Tarifabschlüsse zwischen den Sozialpartnern profitieren. Jedoch ist mittlerweile nur noch jeder zweite Beschäftigte unter tariflichen Bedingungen angestellt. Und der Niedriglohnsektor hat ebenso wie atypische Beschäftigung seit 2010 stark zugenommen.

Daher wird es für die Ärmeren in der Gesellschaft immer schwerer, den Abstand zu den anderen zu schließen. Sozialwissenschaftlerinnen und Sozialwissenschaftler rechnen dafür mit der sogenannten Armutslücke. Das ist der Betrag, der dem durchschnittlichen armen Haushalt fehlt, um über die 60-Prozent-Hürde zu kommen. 2005 betrug diese Lücke noch 2.873 Euro im Jahr beziehungsweise 239 Euro im Monat, 2016 waren es hingegen schon 3.452 Euro, also fast 288 Euro pro Monat. Das ist eine Steigerung um fast 30 Prozent. Und: Die untersten zehn Prozent der Haushalte hatten wegen der Inflation 2016 sogar weniger Einkommen als noch 2010, weil die Löhne im Niedriglohnsektor kaum gestiegen sind, die Preise und Lebenshaltungskosten – vor allem die Mieten – aber schon.

Im Osten geht die Schere schneller auf

Die WSI-Studie stellt außerdem regionale Unterschiede fest. So entwickle sich die Spreizung der Einkommen im Osten schneller als im Westen. Dabei gilt für den Osten immer noch: Hier verdienen die Menschen auch bei gleicher Tätigkeit und Qualifikation weniger als Menschen im Westen. Jedoch ist die Schere dort noch nicht so stark aufgegangen wie im Westen.

Ganz schwarz-weiß ist das Bild aber nicht, denn die Untersuchung zeigt auch, dass die Ungleichheit zuletzt etwas langsamer gewachsen ist. So sei die Mittelschicht etwas weniger davon bedroht, abzurutschen. Vor einigen Jahren sah das noch anders aus. Auch hier spielen gute Löhne ebenso eine Rolle wie der Erwerb von Wohneigentum. Entscheidende Faktoren für die ungleiche Einkommmensentwicklung sind fiskalpolitische Anreize: Einkünfte aus Kapitalvermögen und Unternehmensgewinnen werden im Schnitt geringer besteuert als Einkünfte aus Erwerbsarbeit. Falsche Anreize werden auch durch manche familienpolitische Maßnahmen wie das Ehegattensplitting gesetzt, das vor allem Frauen oft davon abhält, in Vollzeit arbeiten zu gehen. Insgesamt werden kleine und mittlere Einkommen steuerlich stärker belastet als hohe Einkommen.

Daher schlagen die Forschenden am WSI vor, der Spreizung fiskalpolitisch zu begegnen: Spitzeneinkommen müssten stärker besteuert werden, sehr hohe Erbschaften ebenfalls. Zudem sollte die Tarifbindung gestärkt werden – im Gespräch sind etwa Steueranreize für tarifgebundene Unternehmen ebenso wie steuerliche Anreize für Arbeitnehmende, die gewerkschaftlich organisiert sind – und der Mindestlohn erhöht. Immer wieder hatten sich in den vergangenen Monaten Gewerkschaften und linke Politikerinnen und Politiker für eine Erhöhung auf zwölf Euro ausgesprochen.

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) hat vor wenigen Tagen in einer Studie mit vergleichbaren Ergebnissen außerdem vorgeschlagen, den Erwerb von Wohneigentum zu fördern – vor allem für Menschen mit geringem und mittleren Einkommen. Der DIW-Studie zufolge besitzen die reichsten zehn Prozent der Bevölkerung in Deutschland mehr als die Hälfte des gesamten Vermögens, die ärmere Hälfte hat dagegen nur einen Anteil von 1,3 Prozent.