Auch fast 30 Jahre nach der Wiedervereinigung bekommen Menschen in Ostdeutschland weniger Gehalt als Menschen in Westdeutschland. Die Unterschiede sind auch bei gleicher Qualifikation und Tätigkeit hoch: Im Schnitt erhalten Arbeitnehmende im Osten 16,9 Prozent weniger Lohn als ihre Kolleginnen und Kollegen in westdeutschen Bundesländern. Das stellt eine Untersuchung der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung fest, für die ein Forschungsteam des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts der Stiftung (WSI) rund 175.000 Datensätze von Beschäftigten ausgewertet hatten. Die Daten stammen aus dem Lohnspiegel, einer Datenbank des WSO-Tarifarchivs, die seit 2004 geführt wird und in die kontinuierlich Daten zu den Arbeits- und Einkommensbedingungen von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern eingespeist werden.

Weil beim Ost-West-Vergleich nur Gehälter von Menschen berücksichtigt werden, die eine vergleichbare Tätigkeit ausüben, handelt es sich bei diesem Wert um die bereinigte Lohnlücke. Sie ist damit deutlich höher als die zwischen Männern und Frauen. Zwar beträgt der sogenannte Gender-Pay-Gap unbereinigt 21 Prozent – werden aber erklärbare Faktoren wie Teilzeitarbeit oder schlechter bezahlte Berufe herausgelassen, bleiben nur noch sechs Prozent Unterschied, die nur schwer erklärt werden können.

Die fast 17 Prozent Lohnunterschied zwischen ost- und westdeutschen Beschäftigten sind jedoch zu einem großen Teil erklärbar: Im Osten sind viel weniger Unternehmen tarifgebunden – nach Angaben des Nürnberger Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) waren es 2018 45 Prozent der Firmen, im Westen aber 56 Prozent. Hinzu kommt, dass selbst viele Branchentarife Ausnahmeregelungen für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer im Osten vorsehen. Sie bekommen qua Tarif weniger Geld als ihre westdeutschen Kollegen. Außerdem sind nur wenige große Konzerne in Ostdeutschland ansässig, sondern vor allem kleine und mittelständische Unternehmen, die häufig geringere Löhne zahlen. Hinzu kommt, dass überdurchschnittlich viele Menschen im Osten in gering bezahlten Jobs tätig sind.

Zugleich gibt es im Osten weniger Jobs für Hochbezahlte: Viele sehr innovative Unternehmen, die Fachkräfte überdurchschnittlich gut bezahlen, haben ihre Forschungs- und Entwicklungsabteilungen nach wie vor im Westen. Hier wäre eigentlich mehr Wirtschaftsförderung gefragt, aber der Osten gilt nach wie vor für viele Unternehmen als unattraktiver Standort. Auch weil spezialisierte Fachkräfte hier schwerer zu finden sind. Erst kürzlich zeigte eine Untersuchung, dass zum Beispiel viele Studienabgänger und Absolventinnen die neuen Bundesländer verlassen und ihre Karriere nicht dort beginnen wollen. Und viele aus dem Westen tun sich schwer damit, ihren Lebensmittelpunkt nach Ostdeutschland zu verlagern. Zwar zeigt die WSI-Studie, dass Akademikerinnen und Akademiker einen etwas geringeren Pay-Gap im Osten hinnehmen müssen – bei ihnen ist die Gehaltslücke mit 15,4 Prozent etwas kleiner–, aber die allgemeine Lage am Arbeitsmarkt ist für Hochgebildete eben so gut, dass sie dies gar nicht in Kauf nehmen müssen. 

Zusatzqualifikation bringt oft keinen Gehaltszuwachs

Aber auch für Fachkräfte gilt: Eine höhere Qualifizierung bedeutet nicht unbedingt eine finanzielle Verbesserung. Das Gegenteil scheint eher der Fall zu sein. Wer nach einer Berufsausbildung in einem ostdeutschen Betrieb noch eine weitere Qualifikation erwirbt, etwa eine kaufmännische Ausbildung oder eine technische Weiterbildung, profitiert den WSI-Daten zufolge gar nicht davon. Bei dieser Gruppe Beschäftigten beträgt der Lohnabstand im Vergleich mit dem Westen sogar 18,4 Prozent. Wie ist das zu erklären? Im Westen sind Arbeitgeber eher bereit, eine Zusatzqualifikation finanziell zu belohnen – im Osten eher nicht.

Ökonomen wenden zudem ein, dass die Gehaltsunterschiede zwischen Ost und West auch mit einer geringeren Produktivität im Osten zu tun habe. Demnach liegt die Bruttowertschöpfung pro Arbeitsstunde in den ostdeutschen Bundesländern unter der in den westdeutschen Ländern.

Die Ergebnisse der WSI-Studie entsprechen denen einer Anfrage, die von der Linkspartei kürzlich an die Statischen Bundes- und Landesämter gestellt wurde. Demnach erhielten abhängig Beschäftigte 2018 im Westen 36.088 Euro als Jahresbruttolohn, ostdeutsche aber nur 31.242 Euro.