Geoffrey Evan ist Professor für Soziologie der Politik an der Universität Oxford und offizieller Fellow für Politik am Nuffield College in Oxford. Seine Forschung beschäftigt sich mit sozialer Ungleichheit und politischer Repräsentation sowie den Ursachen sozialer Spaltung in der Politik. Er ist Vizeleiter des British Election Study, das langfristig das Wahlverhalten der Briten untersucht und leitete die 2016 EU Referendum Study.

ZEIT ONLINE: Herr Professor Evans, träumen Sie bereits vom Brexit?

Geoffrey Evans: Zum Glück träume ich nicht vom Brexit. Ich träume nicht besonders viel, und wenn, dann habe ich anstrengende Träume. Dass ich meinen Job verliere beispielsweise und es niemanden kümmert.

ZEIT ONLINE: Welche Rolle spielen Nationalismus und Identitätspolitik in der Brexit-Krise?

Evans: Nationalismus ist eine Variable. Aber tatsächlich ist es keine besonders starke. Einen stärkeren Einfluss hat überraschenderweise, ob jemand sozial, eher liberal oder konservativ ist. Aber Identität ist auf eine andere Art von großer Bedeutung: Viele Briten fühlen sich Europa nicht zugehörig. Großbritannien ist in dieser Frage einzigartig. Trotz des Beitritts zur Europäischen Union 1973 ist die europäische Identifikation hierzulande geringer als überall sonst in der EU.

ZEIT ONLINE: Warum ist das so?

Evans: Großbritannien ist ein Inselstaat mit seiner eigenen Geschichte, seinem eigenen Commonwealth und einer sprachlichen Verbundenheit zur anglosphärischen Welt. Keines dieser Dinge greift irgendwo anders. Deutschland etwa ist sehr viel zentraler gelegen und damit ein echter Bestandteil der europäischen Tradition. Großbritannien war kulturell immer schon durch den Atlantik davon abgegrenzt. Aber es gab auch immer Gründe, warum Europäer ein größeres Bedürfnis hatten, sich als Teil Europas zu fühlen. Die Deutschen sind sehr gute europäische Bürger, weil das Land eine sehr unerfreuliche jüngere Vergangenheit hat. Großbritannien war nie besetzt und seit 1066 ist niemand hier einmarschiert.

ZEIT ONLINE: Wird der Brexit diese britische Identität stärken?

Evans: Viele Menschen hoffen das. Und sie hoffen, wieder mehr Kontrolle zu bekommen. Dass man als Wähler die Entscheidung trifft, für eine Regierung zu stimmen und diese dann Entscheidungen trifft und sie auch umsetzen kann. Also etwa Einwanderung zu regulieren, Handelsverträge abzuschließen oder einfach die Industrie zu verstaatlichen.

ZEIT ONLINE: Ist der Einfluss der EU so schlimm? 

Evans: Meine Kollegen und ich beschäftigen uns seit Langem mit der EU. Es ist ein furchtbar undemokratischer Ort. Es ist sehr schwer, jemanden für getroffene Entscheidungen zur Rechenschaft zu ziehen. Und daher verstehe ich zweifellos diejenigen, die dafür gestimmt haben, die EU zu verlassen. Aber ich muss die Motive von Menschen auch nachvollziehen können, um ein anständiger Sozialwissenschaftler zu sein. Viele Menschen sind frustriert, weil der Brexit nicht umgesetzt wird und die "Remain"-Seite das demokratische Ergebnis des Referendums nicht akzeptiert. Die Remainer sind wiederum wütend, weil sie verloren haben und sie den Brexit nicht wollen. Nun aber passiert seit drei Jahren nichts. Ehrlich, wie frustrierend ist das für alle? Obwohl es natürlich denjenigen Hoffnung gibt, die bleiben wollen.

ZEIT ONLINE: Würden Sie ein zweites Referendum präferieren?

Evans: Ich persönlich mag Referenden. Aber angenommen, es gäbe ein zweites Referendum und das Ergebnis von 2016 wird aufgehoben: Wie würde man dann rechtfertigen, nicht noch ein drittes Referendum abzuhalten? Und wenn ein zweites Referendum das gleiche Ergebnis wie das erste bringen würde, würden das die Remainer dann akzeptieren? Ich glaube kaum.