Deutschland diskutiert über die Grundrente. Das niederländische Rentensystem gilt laut OECD als eines der besten der Welt, denn im Schnitt bekommen niederländische Rentnerinnen und Rentner 98 Prozent ihres durchschnittlichen Bruttogehalts. Eine staatlich finanzierte Grundrente erhalten Menschen sogar, wenn sie gar nichts in die Rentenkasse eingezahlt, also nie gearbeitet haben. In Deutschland gibt es in solchen Fällen nur die Grundsicherung im Alter, die in etwa dem Hartz-IV-Satz entspricht. Wie das niederländische Rentensystem funktioniert, was Deutschland von den Nachbarn lernen kann, erklärt der niederländische Ökonom und Unternehmer Theo Kocken im Interview.

ZEIT ONLINE: Herr Kocken, in Deutschland streiten die Regierungsparteien über die Einführung einer Grundrente, die über dem Existenzminimum liegen soll und die Menschen bekommen sollen, die ihr Leben lang hart gearbeitet hat. Wie wirkt die deutsche Debatte auf Sie?

Theo Kocken: Wir Niederländer können die Diskussion nicht ganz nachvollziehen. Unser System funktioniert recht gut. Bei uns gibt es keine Gerechtigkeitsdebatten. Die Menschen sind mit der staatlichen Rente weitgehend zufrieden.

ZEIT ONLINE: Aber ist es nicht ungerecht, dass Menschen eine vergleichsweise gute Rente bekommen, obwohl sie nie gearbeitet haben?

Kocken: Warum sollte das ungerecht sein? Wir leben doch in einem Sozialstaat und wer nie oder nur sehr wenig eingezahlt hat, erhält auch nur den Mindestbetrag in Höhe von etwa 1.200 Euro brutto. Alle anderen bekommen eine höhere Rente. Bei uns gibt es noch die zweite Säule, die betriebliche Altersvorsorge, aus der viele sehr hohe Bezüge erhalten. Bei vielen Niederländerinnen und Niederländern setzen sich die Einkünfte im Alter zur einen Hälfte aus der staatlichen Rente und zur anderen Hälfte aus der betrieblichen Altersvorsorge zusammen.

ZEIT ONLINE: Auch in Deutschland gibt es die sogenannte Grundsicherung im Alter. Doch beim Antrag auf diese Leistung wird genau geprüft, ob Vermögen vorhanden ist. Dabei wird auch das Einkommen des Partners oder der Partnerin sowie das von im Haushalt lebenden Kindern geprüft. Und wohlhabende Kinder müssen sogar für ihre Eltern aufkommen, auch wenn sie nicht mit ihnen zusammenleben. Zudem deckt sie finanziell nur das Existenzminimum, also die Ausgaben für Nahrung und Wohnung ab. Gibt es bei Ihnen wirklich keine Bedingungen?

Kocken: Jeder, der in Ruhestand geht, hat Anspruch auf die sogenannte Algemene Ouderdomswet (AOW) – sofern er zwischen seinem 15. und 65. Lebensjahr 50 Jahre in den Niederlanden gelebt hat. Unser System sieht vor, dass Alleinstehende bis zu 70 Prozent des Mindestlohns als staatliche Rente bekommen, Ehepaare erhalten 100 Prozent. Derzeit stehen damit einer alleinstehenden Rentnerin also über 1.200 Euro an Grundrente zu. Im Vergleich mit der durchschnittlichen Rentenhöhe in Deutschland sind das also ein paar Hundert Euro mehr. Eine Bedürftigkeitsprüfung gibt es nicht. Das System sieht auch nicht vor, dass vorhandenes Vermögen verwertet werden muss.

ZEIT ONLINE: Wie finanzieren die Niederlande das?

Kocken: Die staatliche Rente wird aus Sozialabgaben aus den Löhnen bezahlt. Die Beitragshöhe liegt bei rund 18 Prozent – bis zu einer Beitragsbemessungsgrenze von 30.000 Euro im Jahr, also ganz ähnlich wie bei Ihnen in Deutschland bei der gesetzlichen Krankenversicherung üblich, wo man ab einem bestimmten Einkommen auch nicht mehr Beiträge zur Sozialversicherung zahlen muss. Ein wesentlicher Unterschied zu Deutschland ist, dass die Beschäftigten die Beiträge allein bezahlen. Der Arbeitgeber gibt nichts dazu. Daher gibt es hier auch ein Sprichwort, das heißt: "Du arbeitest für die Rente." Einen Teil der Rentenausgaben finanziert der Staat aber auch über Steuereinnahmen.

ZEIT ONLINE: Die Arbeitgeber finanzieren aber die Betriebsrenten paritätisch mit. Die zweite Säule der Altersvorsorge ist in den Niederlanden viel besser ausgebaut als in Deutschland. Hier haben viele Beschäftigte nicht mal eine betriebliche Altersvorsorge. Machen die Pensionsfonds also den Unterschied?

Kocken: Die Betriebsrenten, die quasi flächendeckend ausgebaut sind, machen in der Tat den wesentlichen Unterschied aus. So gut wie alle abhängig Beschäftigten zahlen gemeinsam mit den Arbeitgebern in einen Pensionsfonds ein. Mit steigendem Einkommen steigen auch die Beiträge. Wer also lange – und viel – eingezahlt hat, kommt mit der zweiten Säule oft sogar auf ein Einkommen im Alter, das oberhalb des durchschnittlichen Nettogehalts in der Erwerbsphase lag. Im Schnitt kommenden die Niederländerinnen und Niederländer in der zweiten Säule auf 40 Beitragsjahre. Wir haben also viele gut abgesicherte Rentnerinnen und Rentner in den Niederlanden. Und das dürfte auch erklären, warum es bei uns keine Neid- oder Gerechtigkeitsdebatten über die staatliche Basisrente gibt. Denn wer nicht gearbeitet hat, bekommt auch keine Betriebsrente und hat insofern im Alter deutlich weniger als Menschen, die vorgesorgt haben. Ein weiterer Vorteil ist natürlich, dass unser System günstiger ist, zumindest für den Staat, in vielen Fällen aber auch für die Unternehmen.