Die Deutschen und die Inflation, das ist ein schwieriges Thema. In kaum einem anderen europäischen Land sind die Entscheidungen der Europäischen Zentralbank (EZB) so umstritten wie in Deutschland. Als eine Erklärung dafür gilt, dass die Erfahrung der Hyperinflation in der Zwischenkriegszeit in vielen Bundesbürgern bis heute nachhallt. Sie hat die Menschen für die Gefahr der Geldentwertung sensibilisiert, weshalb sie einer lockeren Geldpolitik, wie sie die EZB betreibt, eher skeptisch gegenüberstehen.

Eine neue Studie, die ZEIT ONLINE vorliegt, zeigt jetzt: Möglicherweise ziehen die Deutschen aus ihrer Geschichte die falschen Schlüsse. Die Untersuchung dürfte in der EZB auf einiges Interesse stoßen. An diesem Freitag übernimmt Christine Lagarde dort den Chefposten, und sie hat bereits angekündigt, dass sie sich verstärkt um das Ansehen der Notenbank in der Öffentlichkeit kümmern will.

Doch was geschah genau in der Zeit zwischen dem Ersten und Zweiten Weltkrieg und wie hat sich diese Phase in das Kollektivgedächtnis eingeprägt? Um ihren vielfältigen Zahlungsverpflichtungen nachzukommen, brachte die deutsche Reichsregierung nach Ende des Ersten Weltkriegs immer mehr Geld in Umlauf, ohne dass von den Unternehmen entsprechend Güter produziert werden konnten. Die Inflationsraten explodierten und die Ersparnisse vieler Bürger wurden entwertet.

Erst durch eine Währungsreform im Jahr 1923 wurde die Hyperinflation beendet. Danach lief es wirtschaftlich erst einmal ganz gut, bis die Weltwirtschaftskrise einsetzte, die durch den Zusammenbruch der Börse in New York im Jahr 1929 ausgelöst wurde und auch die Weimarer Republik erfasste. Es folgte eine Zeit der Massenarbeitslosigkeit und Unternehmenspleiten, die den Nationalsozialisten den Weg bereitete.

Zwei Krisen verschmelzen

Im Rahmen der Studie hat ein Autorenteam um Nies Redeker vom Jacques Delors Institut in Berlin nun in einer repräsentativen Umfrage ermittelt, wie die Deutschen auf ihre Geschichte blicken. Spezifisch wurde gefragt, wie sie sich die ökonomische Lage während der Weltwirtschaftskrise vorstellen. Ergebnis: Fast 40 Prozent assoziierten mit dieser Periode Begriffe wie "Währungsabwertung" oder "Hyperinflation". Auf die Frage nach der Höhe der Inflationsrate auf dem Höhepunkt der Krise im Jahr 1932 antwortete mehr als die Hälfte der Teilnehmer, diese habe bei über zehn Prozent gelegen. Rund 15 Prozent gaben einen Wert von 100 Prozent oder mehr an.

Die Antworten sind bemerkenswert, denn während der Weltwirtschaftskrise herrschte keine Inflation, sondern eine Deflation. Die Verbraucherpreise gingen zurück, weil die Unternehmen wegen der hohen Arbeitslosigkeit ihre Waren nicht mehr loswurden und darauf mit Preisnachlässen reagierten. Das war aber laut Umfrage nur vier Prozent der Befragten bekannt. "Eine große Mehrheit der Deutschen verbindet den Untergang der Weimarer Republik in den Dreißigerjahren mit steigenden Preisen, tatsächlich war diese Zeit von fallenden Preisen und einer hohen Arbeitslosigkeit geprägt", sagt Redeker.

Redeker führt das darauf zurück, dass im Bewusstsein der Deutschen die beiden Großkrisen der Zwischenkriegszeit – die Hyperinflation und die Weltwirtschaftskrise – offenbar zu einer einzigen Krise verschmelzen, obwohl es sich ökonomisch betrachtet um völlig unterschiedliche Krisen handelte. Die Studie zeigt auch: Diese Fehleinschätzung ist unter gut gebildeten und politisch interessierten Deutschen besonders ausgeprägt.

Die Schlussfolgerung des Experten lautet, dass die Sensibilität der Deutschen beim Thema Inflation auch etwas mit einem verzerrten Geschichtsverständnis zu tun hat. Es führt dazu, dass die Risiken einer Inflation tendenziell überschätzt und die Risiken einer Deflation unterschätzt werden.