Als Kind musste Esther Duflo in den Ferien häufig auf ihre Mutter verzichten. Die war Ärztin und nutzte die Urlaubszeit, um in Kriegsgebieten zu helfen. Wütend oder traurig war die heutige Ökonomin darüber nie. Ihre Mutter hatte ihr erklärt, dass dieser Verzicht etwas war, das sie für die Armen tun konnte. Bis heute hat sich die in Paris geborene Wirtschaftswissenschaftlerin diesen Kampf gegen Armut zur Lebensaufgabe gemacht. Gemeinsam mit ihrem Ehemann, dem indischen Ökonom Abhijit Banerjee, sowie dem Wirtschaftswissenschaftler Michael Kremer wird sie nun für ihre Verdienste zur Armutsforschung mit dem Nobelpreis ausgezeichnet.

Alle drei Ökonomen lehren an US-Universitäten. Der 55-jährige Kremer forscht an der renommierten Harvard-Universität, wo er auch studierte. Er hat sich auf Bildung und Gesundheit in Entwicklungsländern spezialisiert. Der 58-jährige Banerjee arbeitet gemeinsam mit seiner Frau am Massachusetts Institute of Technology (MIT). Der in Mumbai geborene Forscher übernahm 2003 den dort ansässigen Ford-Foundation-International-Lehrstuhl für Ökonomie und gründete gemeinsam mit Duflo und Sendhil Mullainathan das Abdul Latif Jameel Poverty Action Lab: ein Forschungsnetzwerk, das neue Methoden zur Armutsbekämpfung entwickelt und wirtschafts- sowie entwicklungspolitische Maßnahmen auf ihre Wirkung hin untersucht. Kremer, der eine Weile in Kenia als Lehrer arbeitete und Geschäftsführer der NGO WorldTeach war, ist Teil dieses Netzwerks von Armutsforscherinnen und -forschern. Allein am Abdul Latif Jameel Poverty Action Lab sind mehr als 100 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler tätig, dazu kommen unzählige überall auf der Welt, die über die Einrichtung miteinander vernetzt sind. "Wir sind Hunderte. Wir arbeiten mit NGOs zusammen, wir sind quasi eine Bewegung", sagte Dulfo bei der Nobelpreis-Bekanntgabe.

Insofern ist die Auszeichnung auch eine Ehrung für die Armutsforschung generell. Duflo, Banerjee und Kremer gehen dabei davon aus, dass sich Armut nicht allein durch Marktöffnung oder Geld bekämpfen lässt. Sondern dass Armut durch vielfältige Faktoren bestimmt wird, die oftmals von der Politik gar nicht so einfach zu identifizieren sind, geschweige denn, dass sie sich schnell und einfach verändern lassen. Darum haben die drei einen Forschungsansatz entwickelt, der streng wissenschaftlich vorgeht: Mit sogenannten randomisierten kontrollierten Feldexperimenten suchen sie nach einer Kausalität und versuchen, eindeutige Aussagen zu erhalten. So führt ein Experiment zum nächsten. Zugleich betrachten sie die Wirkung einer Maßnahme. Dieses Vorgehen stammt eigentlich aus der Medizin, wo in Studien mit Kontrollgruppen gearbeitet wird, um ein evidenzbasiertes Ergebnis zu erhalten. Denn ähnlich wie in der Medizin, wo ein Medikament eine bestimmte Krankheit oder ein Symptom bekämpfen soll, so soll auch bei der Armutsbekämpfung eine politische Maßnahme die Armut lindern.

Die Kinder lernten plötzlich besser

Das bedeutet, einen komplexen Befund auf vielfältige Ursachen hin zu untersuchen und dabei auch zu analysieren, warum eine bestimmte Maßnahme bisher vielleicht nicht funktioniert. Zum Beispiel bei der Bildungssituation von Kindern in Entwicklungsländern: In vielen armen Ländern gehen Kinder kaum oder nur unregelmäßig zur Schule, viele brechen die Schule vorzeitig ab, viele kommen nicht mit, lernen nur wenig. Aber die Gründe hierfür sind hochkomplex. Es kann sein, dass Schulen und Lehrerinnen und Lehrer fehlen, dass die Sicherheitslage instabil ist, dass die Kinder aus Hunger gar nicht erst den Schulweg antreten können oder sie zu Hause auf dem Feld oder dem Markt mitarbeiten müssen.

Wirtschaftsnobelpreis - Auszeichnung für Forschung zu Armutsbekämpfung Die Wirtschaftswissenschaftler Abhijit Banerjee und Michael Kremer sowie die Ökonomin Esther Duflo bekommen den Wirtschaftsnobelpreis 2019. Sie erhalten rund 830.000 Euro. © Foto: Karin Wesslen

Wichtig bei dem Vorgehen von Duflo, Banerjee und Kremer ist: Untersucht wird ein – etwa regional – begrenzter Fall und nicht das große Ganze. Nur so lassen sich auf Grundlage eingrenzbarer gesicherter Erkenntnisse Antworten für die größeren Zusammenhänge finden. Duflo und ihre Kollegen fanden bei solchen Experimenten in Indien und Kenia heraus, dass es noch ganz andere Gründe für die schlechte Bildung gab: In beiden Ländern war der Schulunterricht nicht an das kindliche Niveau angepasst, die Lehrpläne sahen ein teilweise viel zu hohes Niveau vor, dem die Kinder entwicklungspsychologisch noch gar nicht gewachsen sein konnten. Erst recht nicht, wenn sie aus extremer Armut stammten. In einigen Schulen wurde zudem auf Englisch unterrichtet, aber für viele Kinder war der Unterricht in der Amtssprache zu schwierig. Die Armutsforscher schlugen daher vor, die Schülerinnen und Schüler nicht nach dem Alter, sondern nach ihren Fähigkeiten in Klassen einzuteilen – der Effekt war groß. Die Kinder waren motivierter und lernten besser.

Duflo hat außerdem eine Schätzmethode für Kausalbeziehungen entwickelt. Sie fand dabei heraus, dass eine angenommene Wirkung häufig überschätzt wird. So belegte die Ökonomin, dass viele Mikrokredite zum Beispiel nicht den erhofften positiven Effekt entfalten, weil die Ärmsten sie nicht erhalten oder es andere hemmende Faktoren gibt.