Ist die Rente mit 70 gerecht? – Seite 1

Was haben die Diskussionen um den Klimaschutz und die Rente gemeinsam? Beide erfordern eine deutliche Verlagerung von Lasten und Verantwortung von der alten auf die jüngere Generation, um die Kosten stemmen zu können. Die meisten älteren Menschen werden den Schaden durch den Klimawandel, den ihre Generation entscheidend mitverursacht hat, nicht mehr tragen müssen.

Ähnliches gilt für die gesetzliche Rente: Angesichts niedriger Geburtenraten und steigender Lebenserwartung bedeutet das Beharren auf gleichbleibenden Rentenansprüchen und einer Beibehaltung des jetzigen Renteneintrittsalters, dass die jüngere Generation massiv finanziell belastet wird – also eine noch stärkere Umverteilung von jung zu alt als bisher stattfindet. Die Forderung der Bundesbank nach einer Erhöhung des Renteneintrittsalters auf fast 70 Jahre hat diese Woche für viel Aufregung und Empörung gesorgt. Dabei wird dieser Anstieg noch nicht einmal ausreichen, um die gesetzliche Rente zu sichern.

Das vielleicht drängendste Problem für viele Menschen, die in den kommenden zehn bis 20 Jahren in Rente gehen werden, ist die drohende Altersarmut, deren Anstieg meine Kollegen am DIW Berlin wiederholt berechnet und belegt haben. So ist das gesetzliche Rentenniveau von 48 Prozent des Durchschnittslohns bereits heute – auch im Vergleich zu vielen ähnlichen Ländern – ungewöhnlich niedrig. Zudem erwerben viele Menschen während ihres Erwerbslebens immer weniger Rentenansprüche, da sie geringe Löhne haben, in Teilzeit tätig sind oder nicht durchgehend erwerbstätig sind.

Hinzu kommt, dass es in Deutschland ungewöhnlich viele Menschen und Haushalte gibt, die keine private Vorsorge betreiben können – 40 Prozent der Deutschen haben so gut wie kein Erspartes und sind oder werden künftig auf staatliche Leistungen angewiesen sein. Bereits heute ist die Zahl derer, die in Altersarmut leben, wohl deutlich höher, als die offiziellen Statistiken ausweisen.

Kürzlich hat das DIW Berlin geschätzt, dass bereits heute Hunderttausende ältere Menschen unter verschämter Altersarmut leiden. Viele von diesen Menschen hätten Ansprüche auf staatliche Leistungen, weil ihr Einkommen zu gering ist. Sie vermeiden es aber, diese in Anspruch zu nehmen, auch weil sie sich schämen, nach einem häufig entbehrungsreichen Arbeitsleben um staatliche Leistungen zu bitten.

Angesichts dieser Zahlen und Fakten liegt die Forderung nahe, die junge Generation solle doch bitte großzügiger sein und die Generation der Rentnerinnen und Rentner mehr unterstützen. Dabei wird gerne übersehen, dass die junge Generation in Deutschland bereits heute auch im internationalen Vergleich einen relativ hohen Beitrag zur Altersvorsorge leistet.

Die Beiträge zur gesetzlichen Rentenversicherung in Höhe von 18,6 Prozent des Bruttoeinkommens sind bereits sehr hoch. Hinzu kommen 100 Milliarden Euro oder mehr als drei Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung an steuerlichen Zuschüssen zur gesetzlichen Rentenversicherung (GRV), die hauptsächlich von der jüngeren Generation erwirtschaftet und über Steuern entrichtet werden.

Wie kann der Generationenvertrag zwischen Alt und Jung neu verhandelt und so gestaltet werden, dass er nicht nur gerecht, sondern auch wirtschaftlich nachhaltig ist? Vier Elemente sind entscheidend, wobei sich die öffentliche Diskussion heute fast ausschließlich auf das erste Element beschränkt.

Selbstbestimmte Entscheidung

Dieses erste Element ist eine stärkere Umverteilung, die bereits seit Langem stattfindet und auch in den nächsten zehn Jahren ihren Lauf nehmen wird: Die jüngeren Generationen werden stetig steigende Beitragssätze und Steuern zahlen müssen. Tatsache ist, dass eine sichere und auskömmliche Rente nicht allein durch immer weiter steigende Steuern und Beitragssätze gewährleistet werden kann.

Daher werden in Zukunft auch die älteren Menschen mehr zur Nachhaltigkeit der Rente beitragen müssen. Für viele ist ein weiteres Absenken des Rentenniveaus, das im Jahr 2030 ohnehin schon von heute 48 Prozent auf rund 43 Prozent sinken wird, keine Option. Somit bleibt nur die Option einer längeren Lebensarbeitszeit und eines späteren Renteneintritts. Ein Anstieg der Lebenserwartung um ein Jahr erfordert ein späteres Renteneintrittsalter um acht Monate, um die gesetzliche Rente nachhaltig finanzierbar zu machen.

Dieses Prinzip wird schon seit Langem ignoriert – zulasten der jungen Generation. Daher ist eine Erhöhung des Renteneintrittsalters auf knapp 70 Jahre, wie von der Bundesbank für in 50 Jahren gefordert, ganz und gar nicht unrealistisch. Richtig ist jedoch auch, dass viele Menschen gar nicht so lange arbeiten können, und andere dies auch nicht wollen. Mehr Flexibilität ist daher ein wichtiges Element bei den Reformen der Rente, damit die Menschen selbstbestimmt entscheiden können, wann sie in Rente gehen wollen.

Als drittes Element sollte die Politik dringend das sogenannte Äquivalenzprinzip reformieren. Das Äquivalenzprinzip besagt, dass jeder entsprechend seiner in die GRV eingezahlten Beträge monatliche Rentenzahlungen erhält. Unberücksichtigt bleibt dabei aber, dass Menschen mit geringen Löhnen und Einkommen eine deutlich geringere Lebenserwartung haben und somit kürzer Rentenleistungen beziehen.

Auch daher gewähren die meisten anderen Industrieländer Rentnerinnen und Rentnern mit geringen Löhnen und Lebenseinkommen höhere monatliche Ansprüche – ein ganz wichtiges Instrument, um Altersarmut zumindest zu begrenzen.

Das vierte, meist vernachlässigte, aber vielleicht wichtigste Element für die Nachhaltigkeit der Rente sind grundlegende Reformen des Arbeitsmarkts. Der häufigste Grund für Altersarmut ist, dass die Betroffenen über lange Zeit geringe Löhne erhalten, längere Zeit arbeitslos sind oder in Teilzeit arbeiten – also gar nicht die Chance haben, ausreichend Rentenansprüche zu erwerben.

Kaum ein anderes Industrieland hat einen so riesigen Niedriglohnbereich – mehr als jede fünfte Arbeitnehmerin oder Arbeitnehmer arbeitet für weniger als 10,80 Euro brutto pro Stunde – und so viele Menschen, die in Teilzeit arbeiten, wie Deutschland. Dass der Niedriglohnbereich deutlich verkleinert wird, ist essenziell.

Möglich wäre dies, indem die Sozialpartnerschaften gestärkt, Mini- und Midijobs abgeschafft, Langzeitarbeitslose besser in den Arbeitsmarkt integriert und das Ehegattensplitting ersetzt werden, um weniger Beschäftigte auf Teilzeitjobs zu beschränken. All dies ist nicht nur wichtig, um die Stellung vieler Menschen auf dem Arbeitsmarkt zu stärken und ihre Einkommen zu verbessern, sondern auch, um die gesetzliche Rentenversicherung nachhaltiger aufzustellen. Dadurch entstehen mehr wirtschaftliche Leistungen, und die Umverteilung von Jung zu Alt kann auf mehr Schultern verteilt werden.

Die gesetzliche Rente in Deutschland läuft in das gleiche Dilemma wie der unzureichende Klimaschutz: Beide erfordern eine immer stärkere Belastung der jungen Generation, die diese allein bereits heute nicht mehr schultern kann und will.

Ein starkes, nachhaltiges gesetzliches Rentensystem erfordert eine besser austarierte Generationengerechtigkeit, zu der nicht nur die älteren Menschen durch eine längere Lebensarbeitszeit beitragen, sondern auch das Rentensystem so umgestaltet wird, dass es eine Umverteilung von Arm zu Reich verhindert. Die Hoffnung ist, dass die junge Generation zusammen mit der Wirtschaft dieses Thema ähnlich wie den Klimaschutz bald für sich entdeckt und Druck auf die Politik hin zu nachhaltigen Reformen ausübt.