Chrissy braucht nur ein paar Schnitte mit der Schere und wenige Nadelstiche, um aus einem Paar Socken etwas zu basteln, das aussieht wie Handschuhe ohne Finger. Jetzt, da die Tage und vor allem Nächte kühler werden, ist jeder Wärmeschutz wichtig. Vor den kalten Herbsttemperaturen im Nordwesten der Vereinigten Staaten schützen Chrissy, ihren Lebensgefährten Matthew und ihre drei Kinder ansonsten nur ein wenig Blech und Glas. Ihr Zuhause ist seit mehr als vier Monaten ein weißer Pick-up-Truck der Marke Ford.

Es ist Donnerstagnachmittag in Kirkland in Washington. Im wohlhabenden Vorort der Tech-Metropole Seattle wartet die 26-jährige Mutter darauf, dass ihre älteste Tochter von der Schule nach Hause kommt. Auf der Rückbank turnt die dreijährige Addy über die Sitzpolster. "Sie ist ein ziemlicher Tollpatsch", sagt Chrissy. "Manchmal fällt sie einfach vornüber." Die einjährige Julie ist dagegen eher eine Entdeckerin. Wenn die Mutter den Blick abwendet, versucht die Kleinste in der Familie die Fahrzeugbeleuchtung an- und wieder auszuschalten. Chrissy lässt sie gewähren. "Die Batterie verträgt das schon." Nachts lässt sie ohnehin oft den Motor laufen, um den kalten Innenraum des Fahrzeugs zu heizen. Das lädt auch die Batterie. 

Der Pick-up parkt am Straßenrand inmitten einer Wohnsiedlung. Die angrenzenden Häuser sind laut dem Immobilienportal Zillow fast alle mehr als 800.000 Dollar wert. Alle paar Meter kreuzt ein Zebrastreifen die Straße. In der idyllischen Nachbarschaft mit Nadelbäumen und weiträumigen Vorgärten gehen viele Anwohnerinnen und Anwohner gern mit ihren Hunden spazieren. Chrissys Auto, die Ladefläche vollgepackt mit Decken, Handtüchern und Plüschtieren, wirkt hier wie ein Fremdkörper.

An jeder Straßenecke Obdachlose

Und doch sind umfunktionierte Autos ein vertrautes Bild im King County rund um Seattle, einem der reichsten Bezirke der USA. 12.112 Menschen waren hier im vergangenen Jahr obdachlos. Nur in den städtischen Großräumen New York und Los Angeles gab es mehr Menschen ohne Dach über den Kopf. Wer durch die Innenstadt von Seattle fährt, stößt fast an jeder Straßenecke auf Obdachlose. Diejenigen, die immerhin noch ein Auto haben, nutzen das als Unterkunft. Laut der Seattle Times leben derzeit knapp 2.100 Einwohner des King County in ihren Fahrzeugen.

Doch warum nimmt ausgerechnet im wohlhabenden Seattle die Obdachlosigkeit solche Ausmaße an? Grund dafür dürfte vor allem der Tech-Boom sein. Der Versandkonzern Amazon hat seinen Hauptsitz in Seattle und beschäftigt mehr als 50.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Der Softwarehersteller Microsoft und das Reiseportal Expedia haben sich ebenfalls in der Stadt angesiedelt. Internetfirmen wie Facebook und Google haben Entwicklungszentren in Seattle. Ähnlich wie im Silicon Valley schaffen die Unternehmen zwar gut bezahlte Jobs, treiben allerdings auch die Lebenshaltungskosten in die Höhe, vor allem im weitgehend unregulierten Haus- und Wohnungsmarkt der USA. 2010 wurde der erste große Amazon-Campus in Seattle fertiggestellt. Seitdem sind die Mietpreise in King County laut dem Branchenportal Zillow um mehr als 50 Prozent auf 2.554 Dollar im Monat für ein Apartment mit zwei Schlafzimmern gestiegen. Viele Anwohnerinnen und Anwohner können sich das nicht mehr leisten und werden obdachlos – so wie die 26-jährige Chrissy. 

Ihr Weg nach unten beginnt vor zwei Jahren, als ihr Mann den Job verliert. Er reparierte Glasmaschinen. Zunächst gelingt es Matthew noch, sich in seinem alten Beruf selbstständig zu machen. Die Honorare sind gut, aber die Aufträge kommen unregelmäßig. Mal gibt es zwei Wochen Arbeit, dann drei Wochen wieder keine. Irgendwann gerät die Familie mit den Mietzahlungen für das Apartment in Rückstand. 1.100 Dollar pro Monat lassen sich mit einem unregelmäßigen Einkommen nicht stemmen. Kurz vor Weihnachten vergangenes Jahr läuft dann auch der Mietvertrag aus. Der Eigentümer verlangt jetzt mehr als ein Drittel Aufschlag: 1.800 Dollar im Monat. "Er wollte wohl einfach mehr Geld mit uns verdienen", sagt Chrissy. Im King County könne man wegen der Wohnungsknappheit im Moment jede Miete verlangen. Ein Mieterschutz wie in Deutschland existiert nicht. Kurz vor den Feiertagen verliert die Familie ihr Zuhause. Den Hausrat deponieren Matthew und Chrissy in einem Lagerhaus. Zunächst kommen sie bei Freunden unter, doch deren Vermieter droht diesen ebenfalls mit Rauswurf, dauerhafte Gäste verstoßen gegen den Mietvertrag.

Aus dem Provisorium ein Dauerzustand

Mitten im Sommer steht Chrissy mit ihrer Familie auf der Straße. Was bleibt, sind die beiden Autos und ein Leben auf wenigen Quadratmetern. Am Anfang glaubt sie noch, dass ihre Obdachlosigkeit von kurzer Dauer sein würde. "In der ersten Zeit habe ich noch versucht, mich jeden Tag schick anzuziehen, so als ob alles normal sei", sagt die junge Frau mit den blonden Haaren. Doch nach einigen Wochen schwindet die Hoffnung. Es gibt einfach keine freien Sozialwohnungen. Langsam wird ihr klar, dass aus dem Provisorium ein Dauerzustand werden könnte. "Mehr als einmal bin ich fast verzweifelt", sagt Chrissy. Währenddessen versucht Matthew, zumindest ein wenig Geld nach Hause zu bringen, indem er als Fahrer für einen Lebensmittellieferdienst arbeitet. An guten Tagen verdient er 100 Dollar, an schlechten weniger. Für eine Wohnung reicht das Geld nicht annähernd.

Wahrscheinlich ginge es der Familie noch schlechter, wenn es nicht Karina O'Malley und die United Methodist Church in Kirkland gäbe. Nur wenige Meter von Chrissys Truck entfernt hat die Kirche ihren Parkplatz für Menschen geöffnet, die in ihren Fahrzeugen leben. Abseits der Straßen, wo sie ungeschützt sind, passen die meist weiblichen Bewohnerinnen hier aufeinander auf. "Gerade für Frauen sind die Straßen gefährlich. Es gibt Raub, Prostitution und Vergewaltigungen", sagt O'Malley, die das Programm koordiniert. "Und ein Auto bietet kaum Schutz." Seit 2011 organisiert die Kirche deshalb das Safe-Parking-Programm. Wer einer behördlichen Überprüfung der Identität zustimmt, darf hier parken. Zweimal am Tag öffnet die Kirche ihre Türen. Die Gäste, wie O'Malley die Bewohnerinnen und Bewohner nennt, können sich dann im Gebäude aufwärmen, kochen und die sanitären Einrichtungen benutzen.

In Kühlschränken des Gemeindehauses können die Parkplatzbewohner ihre frischen Lebensmittel lagern. © Jörg Wimalasena für ZEIT ONLINE

50 Menschen leben hier mittlerweile und versuchen irgendwie, ihren Alltag zu meistern. Und der ist hart. Es gibt Menschen, die drei Stunden lang mit dem Bus zur Arbeit pendeln, weil im eigenen Fahrzeug die Familie wohnt. Wer duschen will, muss das im Fitnessstudio tun oder in einem Sozialzentrum. Die Wäsche waschen viele im Waschsalon. Ihre Notdurft verrichten die Bewohner in mobilen Toilettenkabinen.