Die nach dem Fund keimbelasteter Lebensmittel geschlossene Wurstfirma Wilke hat sich gegen die Schließung des Betriebs gewehrt. Wie das Verwaltungsgericht Kassel mitteilte, reichte die hessische Firma einen entsprechenden Eilantrag ein. Mit einer Entscheidung darüber wird nach Angaben des Gerichts frühestens Anfang kommender Woche gerechnet, weil unter anderem noch nicht alle nötigen Unterlagen vorliegen.

Im nordhessischen Landkreis Waldeck-Frankenberg war am vergangenen Mittwoch nach zwei Todesfällen durch Bakterien der Wurstbetrieb Wilke vorerst geschlossen worden. Ursache der Todesfälle waren einem Kreissprecher zufolge Listerien, die im Fleisch des Unternehmens festgestellt wurden. Bei gesunden Menschen können die Bakterien grippeähnliche Symptome auslösen. Für Risikogruppen, zu denen Ältere oder Schwangere zählen, können die Listerien tödlich sein.

Wie das Kasseler Verwaltungsgericht mitteilte, untersagte der Landkreis durch eine mündliche Anordnung vom 1. Oktober 2019 der Firma "das Herstellen, Behandeln und Inverkehrbringen von Lebensmitteln in der betroffenen Betriebsstätte" mit "sofortiger Wirkung". Gegen diesen Bescheid reichte das Unternehmen demnach Widerspruch ein. Mit dem Eilantrag werde nun das Ziel verfolgt, die aufschiebende Wirkung dieses Widerspruchs wiederherzustellen, um den Betrieb fortführen zu können.

"Selbst mit ganz viel Wohlwollen fällt es mir schwer, sich vorzustellen, wie man den Markennamen Wilke künftig noch platzieren will."
Andreas Kampmann von der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG)

"Aktuell ist es das Wichtigste, dass die Mitarbeiter an ihr Geld kommen", sagte Andreas Kampmann von der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG). So stünden noch viele Septemberlöhne aus. Wie und ob es für Wilke weitergehe, sei völlig unklar. Laut Gewerkschaft ist die Geschäftsführung für Mitarbeiter nicht zu erreichen. Auf Presseanfragen reagiert Wilke nicht. Das Unternehmen hatte vorläufige Insolvenz angemeldet. "Aktuell ist die Gefahr groß, dass die Mitarbeiter ihre Jobs verlieren, wenn sich nicht schnell etwas was verändert", sagte NGG-Geschäftsführer Kampmann. Er hofft, dass sich ein Investor findet: "Selbst mit ganz viel Wohlwollen fällt es mir schwer, sich vorzustellen, wie man den Markennamen Wilke künftig noch platzieren will."

Skandal offenbar größer als bisher angenommen

Der Verbraucherorganisation Foodwatch zufolge reicht der Skandal weiter in die Vergangenheit zurück als bisher bekannt. Demnach geht aus einem Bulletin des Robert-Koch-Instituts (RKI) hervor, dass insgesamt 37 Erkrankungsfälle aus den Jahren 2014, 2016, 2017, 2018 und 2019 demselben Listeriose-Ausbruch zuzuordnen werden können.

Das Institut hatte das entsprechende Bulletin auf seiner Internetseite veröffentlicht. Darin wird Bezug zu einem nicht näher bezeichneten hessischen Betrieb genommen. Dem RKI-Bericht zufolge sind drei Patienten "direkt oder indirekt an der Listeriose" verstorben – jeweils ein Fall in Baden-Württemberg im Jahr 2018, in NRW (2017 oder 2018) und in Sachsen-Anhalt (2018). Bei einem weiteren Verstorbenen konnte die Todesursache nicht ermittelt werden. Berichte, nach denen es zwei Todesfälle in Hessen gegeben habe, werden in dem RKI-Bericht nicht bestätigt. Es ist unklar, ob es sich hierbei um weitere Fälle handelt, die bislang nicht vom RKI erfasst wurden.

Wie aus dem Bericht weiter hervorgeht, vermutete das RKI, dass sich die Erkrankten über Lebensmittel in Gesundheitseinrichtungen wie Krankenhäusern, Reha-Kliniken oder Altersheimen infiziert haben. So hatten 20 von 28 betroffene Personen in den Jahren 2018 und 2019 einen "stationären Aufenthalt" in einer solchen Einrichtung.

Die Dunkelziffer der Menschen, die sich an der mit Listerien infizierten Wurst angesteckt haben, soll deutlich höher liegen. Dies liegt vor allem daran, dass nicht in allen Fällen Blutuntersuchungen bei den Erkrankten vorgenommen, sondern auch Stuhlproben genommen wurden, deren Ergebnisse nicht meldepflichtig sind.