Etwas trist sieht es aus an der Old Kent Road, im Südosten von London. Der Nachmittag ist verregnet, schon um drei Uhr wird es dunkel. Hastig gehen die Menschen in die Aldi-Filiale, vorbei an einem Standplakat, auf dem eine fröhliche Rübe im Frack schon mal ein tolles Weihnachtsfest wünscht.

Die 29-jährige Tetoum wohnt in der Nachbarschaft. Sie kauft im hiesigen Aldi-Markt seit rund einem Monat regelmäßig ein. Zuvor ging sie in andere Supermärkte, "aber die sind alle teurer geworden", sagt sie. "Es ist einfach deutlich billiger hier, besonders das Gemüse. Ich glaube, es ist wegen des Brexits." Ihr Mann arbeitet selbst in einem Einzelhandelsgeschäft, und auch er sage, dass dies der Grund sei.

Die deutschen Discounter Aldi und Lidl machen in Großbritannien gute Geschäfte. Als sie in den Neunzigerjahren den Sprung über den Ärmelkanal wagten, erregten sie zunächst kein großes Aufsehen im britischen Einzelhandel. Etablierte britische Ketten wie Tesco, Sainsbury's oder Asda sahen in den deutschen Billigläden keine ernst zu nehmende Konkurrenz. Die Angewohnheit, stets nach dem preiswertesten Schnäppchen zu jagen, wurde als deutsche Eigenheit abgetan. Noch 2009 hatten Aldi und Lidl gerade mal je 2 Prozent Marktanteil.

Aber in den folgenden Jahren waren größere Verschiebungen zu beobachten. Im Dezember 2013 fragte ein BBC-Radioprogramm: "Weshalb sind Lidl und Aldi so beliebt geworden?" Die deutschen Discounter waren auf dem Vormarsch. Mittlerweile kommen die beiden Konzerne zusammen für rund 15 Prozent des britischen Einzelhandels auf; in der Rangordnung der größten Supermarktketten liegt Aldi auf Platz 5, Lidl auf Platz 7.

Ein Grund für den Erfolg sind tatsächlich die günstigen Preise. Und dass immer mehr Menschen in Großbritannien sparen müssen. Unter den Rezessionsjahren nach der Finanzkrise von 2008, aber auch unter der nachfolgenden Sparpolitik litten vor allem die ärmeren Haushalte. Die deutschen Supermärkte bieten mit ihrem günstigeren Sortiment eine willkommene Möglichkeit, Geld zu sparen. Die "großen Vier" hingegen – Tesco, Asda, Morrisons und Sainsbury's – setzten die Preise trotz der stagnierenden Einkommen weiter hinauf, schreiben die Autoren des Buches Retail Disruptors.

Von wegen trostlos teutonisch

Zudem haben sich die Discounter Mühe gegeben, ihre Läden für die Kundschaft attraktiver zu gestalten. Vor zehn Jahren konnte man sich zwar bei Aldi und Lidl mit guten Nürnberger Bratwürsten sowie preiswertem Bier eindecken, aber die lieblos hingeschmissenen Kartonschachteln, die oft zertrampelt in den Gängen lagen, ließen die Supermärkte eher schäbig aussehen – der Guardian beschrieb den Stil als "trostlos teutonisch".

Heute hingegen sieht es in den Märkten ganz anders aus. Im Eingangsbereich des Aldi-Markts an der Old Kent Road etwa stehen Blumensträuße – Lilien, Rosen und anderes. Sauber geordnet liegen die Produkte in den Regalen, frisches Gemüse neben Hähnchen-Kasserolle und rosaroten Stofftieren. Feinschmeckerinnen und Feinschmecker finden guten Wein und spanische Salami, Fans britischer Kost erstehen Yorkshire-Pudding mit Rindfleisch für 1,99 Pfund. Noch immer sind die Läden eher funktional als opulent, aber vom verwahrlosten Look von früher hat man sich verabschiedet.