Letzter Ausweg Zeitarbeit – Seite 1

"Ich bin Leiharbeiterin aus Überzeugung", sagt Natascha Elgnowski. Die examinierte Altenpflegerin hat sich bewusst für die Zeitarbeit entschieden. Damit verdient sie nicht nur besser, sie hat auch mehr Mitsprache bei ihren Arbeitseinsätzen. "Ich muss nicht befürchten, in eine Frühschicht gedrängt zu werden, obwohl ich lieber Spätschicht arbeite. Und ich kann an freien Tagen auch nicht zur Arbeit gerufen werden, um für einen erkrankten Kollegen einzuspringen", sagt die 42-Jährige aus Berlin. Die Leiharbeit mache die Bedingungen in der Altenpflege erträglich. 

Wie Elgnowski entscheiden sich immer mehr Pflegekräfte für die Leiharbeit. In Gruppen auf Facebook tauschen sie sich darüber aus. Auf manchen dieser Seiten rekrutieren auch Zeitarbeitsfirmen die Mitglieder. Denn eine wachsende Zahl von Personaldienstleistern hat sich mittlerweile auf die Pflege spezialisiert. Der Grund ist simpel: Pflegeheime müssen alle Schichten besetzen. Weil aber Personal überall fehlt, muss auf Leiharbeit zurückgegriffen werden. Aber natürlich sind Pflegekräfte auch in der Zeitarbeit rar. Daher überbieten sich viele Verleiher mit vielversprechenden Zusagen. Von übertariflicher Bezahlung, Weihnachts- und Urlaubsgeld, verbindlicher Dienstplangestaltung weit im Voraus und steuerfreien Zulagen ist in den Stellenanzeigen die Rede. Manche locken auch mit einem Willkommensbonus in Höhe von mehreren Hundert Euro. Das treibt die Preise hoch. Arm, ausgebeutet und den Verleihern ausgeliefert, dieses Bild der Leiharbeit gilt für die Pflege nicht. Hier stellen die Beschäftigten die Bedingungen.

Doch nun will die Berliner Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD) mit einer Bundesratsinitiative Anfang 2020 Leiharbeit in der Pflege verbieten lassen. Das Verbot soll eine weitere Abwanderung von Fachkräften verhindern, die Qualität der Pflege verbessern und die Versorgung sowie Patientensicherheit gewährleisten. Denn natürlich ist eine Zunahme von Leiharbeit auch mit Problemen verbunden.

Das 1,9-Fache für Zeitarbeitskräfte

"Die Zunahme der Leiharbeit setzt das Stammpersonal unter Druck, gefährdet den sozialen Frieden und plündert die Pflegebranche letztlich aus", sagt etwa Herbert Mauel. Er ist Geschäftsführer des Bundesverbands privater Anbieter sozialer Dienste (bpa). Der Verband befürwortet den Vorstoß der Berliner Gesundheitssenatorin. Mauel sagt, das fest angestellte Personal in den Heimen leide, weil sich Leiharbeiterinnen und Leiharbeiter die Arbeitszeiten wünschen könnten und unattraktive Schichten etwa am Wochenende oder in der Nacht dann vom Stammpersonal geleistet werden müssten. Zum anderen entstünden wegen der ungleichen Bezahlung Neiddebatten. Auch seien die hohen Personalkosten auf Dauer nicht zu finanzieren. "Für Zeitarbeit wird im Schnitt das 1,9-Fache aufgerufen wie für fest angestelltes Pflegepersonal. Schon jetzt bezahlen die Heimbetreiber die Mehrkosten aus ihren Rücklagen. Wenn die Entwicklung so weitergeht, werden insbesondere kleine Häuser schließen müssen", sagt der Verbandsvertreter. Er verweist auch darauf, dass die Löhne in der Pflege kräftig gestiegen seien, obwohl nicht mehr Geld im System vorhanden sei. Der Verband hat ermittelt, dass die Zuwächse zwischen 2015 und 2018 12,51 Prozent betrugen – im Vergleich stiegen die Gehälter in allen Branchen in dieser Zeit um 7,13 Prozent. Trotzdem sind die Gehälter nicht üppig: Im Schnitt verdienten fest angestellte Pflegekräfte im vergangenen Jahr 3.300 Euro brutto, drei Jahre zuvor waren es knapp 3.000 Euro, gibt der Verband an. Laut dem Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) lag das mittlere Entgelt von Pflegefachkräfte 2018 sogar nur bei 2.744 Euro. 

Was bei Zeitarbeitskräften im Schnitt pro Monat auf der Lohnabrechnung steht, ist nicht so leicht zu ermitteln. Der Verdienst richtet sich nach den jeweiligen Konditionen des Verleihers, Zulagen und Einsätzen. Dabei gilt: Für Feiertage und Nachtschichten gibt es höhere Zulagen. Am einfachsten lassen sich daher die Stundenlöhne vergleichen: Die gewerkschaftliche Hans-Böckler-Stiftung errechnete jüngst, dass der durchschnittliche Stundenverdienst in der Altenpflege bei 14,24 Euro liegt. Viele Zeitarbeitsfirmen versprechen in ihren Inseraten hingegen 20 Euro Stundenlohn oder mehr. Laut Herbert Mauel würde für einen Leiharbeitnehmer meist um die 25 Euro oder mehr anfallen. 

Langfristig zahlen alle

Wer bezahlt das am Ende? Immerhin können sich die Preise in der Pflege nicht frei bilden. Alten- und Pflegeheime finanzieren sich zu einem Teil aus den Leistungen der Pflegeversicherung. Sie sind aber je nach Pflegegrad des Bewohners auf einen festen Satz gedeckelt. Den Rest müssen die Pflegebedürftigen aus eigener Tasche bezahlen. Im Schnitt fallen heute 1.930 Euro pro Monat an, diese Zahl steigt seit Jahren. Immer mehr Pflegebedürftige sind unter anderem auch deshalb auf Sozialhilfe angewiesen. Die zunehmenden Personalkosten zahlen also langfristig alle.  

Hinzu kommt, dass die Gehälter in der Pflege wohl auch künftig steigen werden. Das hat die Konzertierte Aktion Pflege der Bundesregierung beschlossen. Derzeit verhandelt die Gewerkschaft ver.di mit mehreren Arbeitgebern einen Tarifvertrag, der flächendeckend erstreckt werden soll. "Es ist ein deutliches Zeichen, wenn Pflegekräfte lieber bei einer Leiharbeitsfirma beschäftigt sind, als bei einer Pflegeeinrichtung angestellt", sagt Sylvia Bühler vom Bundesvorstand der Gewerkschaft. "Zur Wahrheit gehört auch, dass Leiharbeitsfirmen natürlich Gewinn machen wollen. Der speist sich dann aus unseren Sozialversicherungsbeiträgen und Steuern, die aber für eine gute Pflege eingesetzt werden sollten und nicht zur Gewinnmaximierung." 

Anteil der Leiharbeit beträgt in der Pflege nur zwei Prozent

Frank Hartung, Geschäftsführer der Zeitarbeitsfirma Avanti, einer der Marktführer im Bereich medizinisches und Pflegepersonal, weist diese Kritik zurück. "Leiharbeit ist keine Bedrohung für die Pflege", sagt er. Von einer hohen Abwanderung in die Zeitarbeit könne nicht die Rede sein. Hartung verweist auf Zahlen der Bundesagentur für Arbeit (BA), wonach der Gesamtanteil der Zeitarbeiterinnen und Zeitarbeiter im Jahr 2018 in der Pflege nur zwei Prozent betrug. Zwar konstatiert auch die BA eine Zunahme, die basiert aber auf einem sehr niedrigen Ausgangsniveau. 2014 waren 8.000 Menschen als Leiharbeitskräfte in der Altenpflege bei der BA gemeldet, vier Jahre später waren es 12.000 – bei 600.000 Beschäftigten in der Branche insgesamt.

Hartung sagt auch, dass es für die Verleiher schwierig, geeignetes Personal für die Zeitarbeit zu finden, schlicht weil es zu wenig Pflegekräfte insgesamt gebe. Zudem sei unzutreffend, dass sich mit dem Verleih von Pflegekräften schnell viel Geld verdienen lasse.

Peter Szauder, Geschäftsführer der auf Pflegekräfte spezialisierten Personalvermittlung Taskhopper, behauptet sogar, Leiharbeitende seien im Schnitt nur zehn Prozent teurer als fest angestelltes Personal. "Viele Pflegeheime vergleichen den Bruttostundenlohn ihrer eigenen Mitarbeiter mit den Kosten je Stunde eines Mitarbeiters aus der Zeitarbeit. Rein wirtschaftlich ist dieser Vergleich nicht haltbar. Zu den internen Bruttolohnkosten kommen weitere hinzu, etwa die Kosten für Urlaubs- und Krankentage – gerade die Kosten für Langzeiterkrankte, von denen es in der Pflege viele gibt, sind sehr hoch." Für Szauder steht fest, dass ein Verbot von Leiharbeit weder die Kosten senken, noch die Qualität der Pflege verbessern würde.

"Viele wollen nicht in der operativen Pflege arbeiten"

Das sieht Annamaria De Vero ähnlich. Sie leitet ein Seniorenzentrum des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) in Dietzenbach bei Frankfurt. 96 Menschen leben in dem Haus. Versorgt werden können sie nur, weil De Vero jeden Monat Zeitarbeiterinnen und Zeitarbeiter einsetzt. "Seit viereinhalb Jahren geht es überhaupt nicht mehr ohne. Aber auch davor haben wir immer wieder mit Leiharbeitskräften zusammengearbeitet", sagt die Einrichtungsleiterin.

Der Personalmangel sei akut geworden, als mehrere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Rente gegangen seien, für die sie keinen Ersatz mehr habe finden können. Dabei gilt in den Altenheimen des DRK entweder ein Tarifvertrag mit Weihnachts- und Urlaubsgeld, Zulagen und einer betrieblichen Altersvorsorge oder die Heime zahlen angelehnt an die tariflichen Bedingungen. Und obwohl ihre Einrichtung mit den Altenpflegeschulen in der Region kooperiere, gebe es fast keine Bewerbungen von den Absolventinnen und Absolventen. "Viele wollen nicht in der operativen Pflege arbeiten, weil die Bedingungen zu schlecht sind. Wer heute das Examen macht, will meist weiter studieren und zum Beispiel Pflegedienstleitung oder Heimleitung werden", so De Vero. 

Zeitarbeitsverbot könnte Fachkräftemangel verschärfen

Mit drei Verleihfirmen arbeitet das Seniorenzentrum zusammen. Habe sie gute Erfahrungen mit einer Zeitarbeitskraft gemacht, versuche De Vero diese Beschäftigte auch im Folgemonat wieder zu buchen. Das sei wichtig für die Bewohnerinnen und Bewohner sowie für reibungslose Arbeitsabläufe. De Vero bestätigt zwar, dass die immer neue Personalsuche und Einarbeitung Zeit und Geld kostet und dass es auch immer wieder Diskussionen über die unterschiedliche Bezahlung von Stammbelegschaft und Leiharbeitenden gibt. Dennoch sei Zeitarbeit derzeit die einzige Lösung. "Ein Verbot wird den Fachkräftemangel noch verschärfen", sagt die Pflegeheimleiterin. "Ohne die Zeitarbeitskräfte müssten viele Heime darüber nachdenken, zu schließen."

Der BIVA-Pflegeschutzbund fordert, Leiharbeit nicht zu verbieten, aber streng zu regulieren. Die Interessenvertretung, bei der Tausende von Pflegebedürftigen Mitglied sind, setzt sich für die Belange dieser Menschen und ihrer Familien ein. "Durch die zunehmende Leiharbeit gibt es in vielen Heimen eine hohe Fluktuation bei den Bezugspersonen. Bewohnerinnen und Bewohner brauchen aber kontinuierliche Ansprechpartner, denen sie vertrauen können und die ihre Situation kennen. Zudem sind sie die Leidtragenden, wenn sich durch den Einsatz externer Pflegekräfte das Arbeitsklima im Team verschlechtert, weil diese bessere Arbeitsbedingungen haben", sagt Ulrike Kempchen. Die Juristin leitet den Rechts- und Beratungsdienst beim Pflegeschutzbund. Dort hat Kempchen es besonders mit Fällen zu tun, in denen Leiharbeitende entweder wegen fehlender Informationen oder Qualifikationen Fehler bei der Pflege machten. "Wir fordern, dass ausschließlich professionelle Pflegekräfte eingesetzt werden", sagt die Juristin. 

Natascha Elgnowski kann diese Kritik nicht nachvollziehen. "Ich beobachte, dass sich vor allem die jungen und sehr gut ausgebildeten Kolleginnen und Kollegen für die Zeitarbeit entscheiden", sagt sie. Besonders Leiharbeitskräfte würden Fortbildungen in Anspruch nehmen, außerdem trügen die immer neuen Einsätze in verschiedenen Heimen automatisch zu einem breiten Erfahrungsschatz bei. Und weil sie selbst bestimmen können, an welchen Tagen sie wann arbeiten möchten, kämen Leiharbeitskräfte ausgeruhter und entspannter zu Arbeit. Zuletzt war Elgnowski als Pflegedienstleitung und somit als Führungskraft angestellt. Sie habe gekündigt, weil sie es nicht mehr ausgehalten habe. Als Zeitarbeiterin arbeitet sie wieder als normale Altenpflegerin. Und verdient deutlich mehr, hat viel mehr Freizeit. "Ich liebe die Pflege. Aber nur in der Zeitarbeit finde ich Bedingungen vor, die es mir möglich machen, in diesem Beruf auch dauerhaft arbeiten zu können."