Trotz Wirtschaftsbooms und steigender Löhne sind in Deutschland viele Menschen mit Arbeit von Armut bedroht und auf Hartz-IV-Leistungen angewiesen. Meist wird dafür die größer werdende Schere bei Löhnen, Vermögen und Chancen verantwortlich gemacht. Doch fast die Hälfte des Anstiegs der Ungleichheit bei den Arbeitseinkommen seit den Neunzigerjahren geht auf einen ganz anderen Faktor zurück, nämlich ungleiche Arbeitszeiten, wie eine Studie zeigt.

In so gut wie keinem anderen Land trägt die zunehmende Ungleichheit der Arbeitszeit stärker zur steigenden Ungleichheit der Arbeitseinkommen bei als in Deutschland. Doch die Arbeitszeit ist meist nicht das Resultat freier Entscheidungen der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, sondern einer verfehlten Politik und einer noch immer festgefahrenen Mentalität in unserer Gesellschaft.

In kaum einem westlichen Industrieland ist die durchschnittliche Arbeitszeit so stark gesunken wie in Deutschland – von knapp 2.000 Stunden in den Sechzigerjahren auf wenig mehr als 1.400 Stunden pro Jahr in Vollzeit. In den letzten 30 Jahren kam ein starker Anstieg der Teilzeit hinzu. So arbeiten heute knapp 16 Millionen Menschen – von 45 Millionen Beschäftigten insgesamt – in Teilzeit.

Männer mit geringer Qualifizierung

Bis in die Neunzigerjahre hinein haben Unterschiede in der Arbeitszeit die Ungleichheit von Arbeitseinkommen reduziert, da Menschen mit geringen Einkommen häufig mehr Stunden arbeiteten als Menschen mit hohen Einkommen. Dies hat sich jedoch umgekehrt: Teilzeitjobs gehen heute mehrheitlich mit geringen Einkommen und Löhnen einher.

Mancher mag nun entgegnen, das sei lediglich das Resultat des starken Anstiegs der Erwerbsquote von Frauen in Deutschland. Dieses Argument greift jedoch aus verschiedenen Gründen zu kurz oder ist falsch. Zum einen ist es ganz und gar nicht offensichtlich, wieso Frauen schlechter bezahlt werden und schlechtere Arbeitsbedingungen haben als Männer. Deutschland hat mit 21 Prozent noch immer einen der größten Gender-Pay-Gaps Europas, wobei Frauen meist nicht schlechter ausgebildet und qualifiziert sind als Männer, sondern häufig sogar besser. Zwar sind 80 Prozent der Beschäftigten in Teilzeit Frauen, aber eben oft nicht freiwillig. Viele Frauen würden gern deutlich mehr oder sogar in Vollzeit arbeiten.

Die Vermutung, lediglich die höhere Erwerbstätigkeit von Frauen erkläre die steigende Ungleichheit der Arbeitszeit und damit der Arbeitseinkommen, ist zudem schlicht falsch. Denn die oben genannte Studie zeigt auch, dass sowohl Frauen mit hohen als auch Frauen mit niedrigen Qualifizierungen und Löhnen heute mehr arbeiten als früher. Auseinandergegangen ist die Arbeitszeitschere hingegen bei den Männern: Haben sie eine geringe Qualifizierung und erhalten niedrige Löhne, arbeiten sie heute im Durchschnitt zehn Prozent weniger pro Woche als noch vor 20 Jahren. Dagegen haben gut qualifizierte Männer mit hohen Löhnen ihre Arbeitszeit ausgeweitet.

Was erklärt die aufgehende Arbeitszeitschere, sowohl bei allen Erwerbstätigen, also auch speziell bei Männern? Ein zentraler Grund ist die Veränderung der Wirtschaftsstruktur Deutschlands: Der Anteil von Arbeitsplätzen in der Industrie nimmt ab, stattdessen gewinnen die Dienstleistungsberufe stark an Bedeutung. Es sind vor allem diese Jobs, die häufig mehr Flexibilität, aber auch geringere Stundenlöhne mit sich bringen. Hinzu kommt eine deutliche Abnahme der Tarifabdeckung bei Lohnverhandlungen, die in den Dienstleistungsbereichen deutlich geringer ist als in der Industrie.