Zahl der Berufskrankheiten deutlich gestiegen – Seite 1

Immer öfter werden Menschen durch ihren Job krank. In den vergangenen zehn Jahren stieg die Zahl der angezeigten Berufskrankheiten um mehr als ein Viertel an. Die Gesamtausgaben für anerkannte Berufskrankheiten nahmen im selben Zeitraum um ein Drittel zu, heißt es in der Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Linkspartei, die ZEIT ONLINE vorliegt.

Die Daten belegen auch: Mehr als die Hälfte (56 Prozent) der Ausgaben wird von nur fünf Krankheiten verursacht. Dazu gehören vor allem Krankheiten, die durch Asbest hervorgerufen werden. 

Die Zahlen sind erstaunlich, denn es ist sehr schwer, eine Krankheit als Berufskrankheit anerkennen zu lassen. Von allen angezeigten Verfahren ist nur ein Viertel am Ende auch erfolgreich. Arbeitsmediziner gehen daher davon aus, dass die Dunkelziffer der nicht angezeigten Erkrankungen hoch sein dürfte. Denn die Berufskrankheitenverordnung listet derzeit nur 80 Krankheitsbilder auf.

Dachdecker bekommen oft Hautkrebs

Dazu gehört seit einiger Zeit etwa Hautkrebs, woran häufig Menschen leiden, die im Sommer viel im Freien arbeiten – Dachdecker oder Straßenbauarbeiter etwa. Aber auch Krankheiten, die durch chemische Entwicklungen wie Pestizide oder mechanische Einwirkungen verursacht werden. Stress und psychische Belastungen, welche die meisten Fehltage im Job verursachen – in den vergangenen zehn Jahren stiegen die Krankentage von gesetzlich versicherten Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer wegen psychischer Belastungen um 144 Prozent –, gelten hingegen nicht als Berufskrankheiten. Ist aber eine Krankheit nicht anerkannt, gibt es für die Betroffenen auch keine Leistungen aus der gesetzlichen Unfallversicherung.

Doch selbst wenn es sich um ein anerkanntes Leiden handelt, sind an das Verfahren hohe Hürden gebunden. Die Betroffenen müssen beweisen, dass wirklich der Job sie krank gemacht hat und nicht etwa andere Umstände. So sieht es das Berufskrankheitenrecht vor.

Die Beweisführung liegt bei den Beschäftigten

Die Beweisführung ist aber oft schwierig. Denn ein sogenanntes Expositionskataster – also eine Statistik, in der festgehalten wird, bei welchen Tätigkeiten Beschäftigte welchen Belastungen ausgesetzt sind – gibt es nicht. Problematisch in diesem Zusammenhang ist auch, dass Krankheiten oft erst viele Jahre später auftreten. Dann aber existiert ein Betrieb vielleicht nicht mehr oder wichtige Unterlagen, die belegen könnten, dass ein früherer Mitarbeiter bestimmten Belastungen ausgesetzt war, sind nicht mehr verfügbar.

Arbeitsmediziner fordern daher, dass Betriebe für jedes Jobprofil auch die durchschnittlichen Belastungen dokumentieren müssen und diese Daten nicht personenbezogen, sondern nach Tätigkeitsprofilen geordnet bei einer unabhängigen Stelle gespeichert werden. So wäre einfacher nachzuvollziehen, dass etwa eine Altenpflegerin mehrere Jahre lang schwer heben und tragen musste und ihren Beruf deshalb nicht mehr ausüben kann. 

Derzeit werden nur solche Fälle anerkannt, bei denen die Beweisführung einfach ist: Lärmschwerhörigkeit oder Hautkrankheiten etwa. Und trotzdem sind die Erfolgsaussichten gering: Während die Hälfte der Verfahren bei Schwerhörigkeit anerkannt wird, sind es bei Hauterkrankungen nur zwei Prozent.

Kaum Aussicht auf Anerkennung

Und es gibt weitere Probleme: Bis eine Krankheit anerkannt ist, dauert es sehr lange – kranke Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer müssen mit bis zu 40 Monaten Bearbeitungszeit rechnen. Doch laut Berufskrankheitenrecht dürfen sie in dieser Zeit ihrem Beruf gar nicht mehr nachgehen, so will es der sogenannte Unterlassungszwang. Doch für die Betroffenen ist ja völlig unklar, ob das Verfahren erfolgreich sein wird, geschweige denn, wovon sie währenddessen leben sollen. Nicht wenige scheuen deshalb das Verfahren, ein Leiden überhaupt als Berufskrankheit anerkennen zu lassen, sondern arbeiten lieber so lange weiter, bis sie krankheitsbedingt die Arbeitszeit reduzieren müssen – oder aber in der Erwerbsminderung landen. Mehr als 342.000 Menschen beantragten im vergangenen Jahr die Erwerbsminderungsrente. Im Vergleich dazu gab es aber nur 77.877 Fälle, bei denen Beschäftigte eine Berufskrankheit anzeigten – 19.748 davon wurden letztlich anerkannt.

Zusätzlich erschwert wird die Situation dadurch, dass es nur wenig Arbeitsmedizinerinnen und Arbeitsmediziner in Deutschland gibt, wie die Daten der Bundesregierung zeigen. Zwar ist ihre Zahl auf niedrigem Stand konstant geblieben, mehr als die Hälfte von ihnen ist jedoch über 65 Jahre alt. Zugleich rückt zu wenig Nachwuchs nach: Insgesamt gibt es 20 Lehrstühle für Arbeitsmedizin in der Bundesrepublik, Tendenz sinkend, da in den vergangenen Jahren mehrere Lehrstühle geschlossen wurden. Parallel dazu ist in den vergangenen Jahren die Zahl der Erwerbstätigen von 40 auf 44 Millionen Menschen gestiegen. Das Problem: Fehlen die Arbeitsmedizinerinnen und Arbeitsmediziner, die einerseits wichtig für die Prävention sind und andererseits auch für die Anerkennungsverfahren zuständig sind, wird es für Betroffene noch schwerer.

Arbeitsministerium hat Reformvorschlag vorgelegt

Um den Arbeitsschutz zu verbessern und zu verhindern, dass mehr Menschen durch ihre Arbeit krank werden, hat die große Koalition im Koalitionsvertrag vereinbart, das Berufskrankheitengesetz zu reformieren. Das Bundesarbeitsministerium hat bereits einen Gesetzesentwurf vorgelegt, ein Kabinettsbeschluss soll noch in diesem Jahr erfolgen.

Doch eine weitreichende Reform ist bisher nicht vorgesehen. Damit etwa psychische Erkrankungen in der Liste der Berufskrankheiten aufgenommen werden, wäre viel mehr Forschung nötig. Doch Forschung der Bundesregierung speziell zu psychischen Erkrankungen als Berufskrankheiten gibt es bisher nicht. Immerhin: Die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (DGUV) hat ihre Ausgaben in diesem Bereich erhöht und gibt mehr als 13 Millionen Euro pro Jahr für die Erforschung von Berufskrankheiten aus. Parallel investiert sie 228 Millionen Euro jährlich für die Prävention.

Die Linke-Politikerin Jutta Krellmann findet das dennoch nicht ausreichend. "Die Reform bei den Berufskrankheiten ist überfällig. Aber dass psychische Erkrankungen völlig außen vor bleiben sollen, ist nicht hinnehmbar. Wir wissen doch, dass Stress bei der Arbeit krank macht. Wer ausgebrannt aus dem Berufsleben ausscheidet, muss entsprechend entschädigt werden." Sie fordert zudem eine Antistressverordnung. Denn am wichtigsten sei eine umfassende Vorsorge.