Mieten steigen, Haushalte müssen immer mehr von ihrem Einkommen für Wohnungen aufwenden, selbst Angehörige der Mittelschicht sind inzwischen teils von Wohnungslosigkeit bedroht. Die Soziologin Jutta Allmendinger forscht in Deutschland und in den USA zu Wohnungsnot und Obdachlosigkeit, im kommenden Jahr soll ihr Buch zum Thema Wohnungsarmut erscheinen – ein Konzept, dass die Armutsforschung bisher nicht beachtet hat. Allmendinger sagt, Politik und Sozialforschung müssten das Thema dringend priorisieren, denn unsere Gesellschaft drohe, daran zu zerbrechen. Am Ende stehe unsere gesamte Demokratie auf dem Spiel. Dieses Interview ist Teil unseres Schwerpunkts "Mieten am Limit".

ZEIT ONLINE: Frau Allmendinger, Sie beschäftigen sich zurzeit intensiv mit Wohnungslosigkeit. Wie kam das?  

Jutta Allmendinger: Es ist etwa ein Jahr her, dass ich als Fellow für vier Monate nach Los Angeles zog, um dort am Thomas-Mann-Haus zu forschen. Eines Morgens fuhr ich an den Strand und sah dort Obdachlose. Das Bild kennt man ja, etwas aber war anders: Ich beobachtete, dass einige sich ein Jackett anzogen, sich einen Spiegel vors Gesicht hielten und sich kämmten. Ich war perplex und fragte sie, was sie da taten. Sie antworteten: Wir machen uns fertig für die Arbeit. Ich dachte spontan an Kurse für Arbeitslose. Aber nein: Es waren ausgebildete Lehrer! Sie verdienten nur so wenig, dass sie sich von ihrem Gehalt keine Wohnung in der Nähe ihrer Arbeitsstelle leisten konnten. Deshalb schliefen sie in ihren Autos oder in Zelten.

© WZB/​David Ausserhofer

Ich war erschrocken über mich selbst, über die Pyramide meiner Vorurteile. Ich hatte diese gut ausgebildeten Menschen als Outlaws betrachtet. Das hat mir einen regelrechten Schock verpasst. Und ich habe mich entschieden, über diese erwerbstätigen Obdachlosen zu forschen. Seither habe ich viel gelernt über Obdachlosigkeit in L.A., aber auch in Deutschland.

ZEIT ONLINE: Was ist in Los Angeles anders als zum Beispiel in Berlin?

Allmendinger: In L.A. sind diese Menschen sichtbarer. Sie leben oft in regelrechten Zeltstädten innerhalb der Großstädte. Hier bei uns gibt es so etwas ja kaum. In den USA setzen die Städte weniger auf Notunterkünfte, die Obdachlosen werden dort aber auch nicht so entschlossen aus den Innenstädten verbannt. In Midtown L.A. beispielsweise findet man die Zelte direkt neben dem Theater District oder der Philharmonie. Ich dachte, dass diese Sichtbarkeit Nähe und Identifikation schafft, die Hilfsbereitschaft erhöht. Aber auch diese Annahme erwies sich als völlig falsch. Viele Leute sind dort zwar sehr dafür, dass mehr für Obdachlose getan wird – aber nur, damit sie aus ihrem Umfeld verschwinden.  

Anders als die meisten Städte in Deutschland ist L.A. aber immerhin bereits seit Langem bemüht, die Obdachlosen zu zählen. Da schwirren in einer Nacht schon mal 2.000 Freiwillige aus und versuchen, eine Zahl so genau wie möglich zu erheben. In Deutschland haben wir grobe Schätzungen zur Obdachlosigkeit, aber nur wenige Zählungen. Dabei brauchen wir diese Daten dringend.

Vorurteile über Obdachlose hinterfragen

ZEIT ONLINE: Warum gibt es sie nicht?

Allmendinger: Das Problem hat uns zu lange überhaupt nicht interessiert. Ich komme selbst aus der Armutsforschung und muss das selbstkritisch so sagen. Die verbreitete Ansicht war: Die trinken halt, die sind krank und wollen nicht arbeiten. Diesen Menschen fehlt jede Motivation, warum sollten wir uns um die kümmern? Sie können ja ins Krankenhaus gehen, zur Bahnhofsmission oder in die Notunterkünfte. Aber wenn sie lieber auf der Straße leben – why should we care? Mein Erlebnis am Strand in L.A. ist das beste Beispiel, dass man diese Vorannahmen hinterfragen muss. Aber selbst wenn all das zutreffen würde – ein Grund, das Thema Wohnen nicht systematisch an die Armutsforschung anzubinden, ist es sicherlich nicht. Im Gegenteil.

ZEIT ONLINE: Sozialverbände warnen seit Jahren vor steigender Obdachlosigkeit, gerade angesichts der hohen Mieten. Auch immer mehr Familien seien von Wohnungslosigkeit bedroht und eben auch Berufstätige. Wer sind diese neuen Wohnungslosen?

Allmendinger: Grundsätzlich sollte man zwischen Wohnungslosigkeit und Obdachlosigkeit unterscheiden. Sprechen wir von Menschen, die ohne Dach über dem Kopf auf der Straße leben oder von jenen, die bei Freunden auf der Couch unterkommen? Wir wissen über beide Gruppen relativ wenig, es sind unterschiedliche Personen betroffen: junge Menschen, die aus ihrem Elternhaus ausziehen, aber kein Einkommen haben, das eine Wohnung trägt; Personen, die nach einer Trennung den Haushalt verlassen; Menschen, die aufgrund von Mietschulden ihre Wohnung räumen mussten; und natürlich sind auch Menschen darunter, die ihre Arbeit verloren haben und mehr konsumieren, als sie sich leisten können – die sich irgendwann vielleicht fast aufgeben, weil sie keine Perspektive mehr sehen. 

ZEIT ONLINE: Und wenn wir speziell auf die Berufstätigen blicken?

Allmendinger: In Deutschland sind das geschätzt knapp zehn Prozent der Wohnungslosen. Viel wissen wir nicht über diese Menschen. In den USA sind besonders oft Menschen betroffen, die wegen eines Jobs umziehen. Nur: Wer bei McDonalds oder Starbucks anfängt, bekommt zu wenig Geld, um sich eine Wohnung leisten zu können. Das geht nur mit Zweit- oder Drittjob. Diese Situation ist inzwischen auch bei uns keine Seltenheit mehr. Die Menschen verdienen einfach nicht genug, um sich die teuren Mieten leisten zu können.