Ein Leben im Camper: Weil die Mieten in Los Angeles, USA, so stark gestiegen sind, können selbst Berufstätige sich oft keinen Wohnraum mehr leisten. © Lucy Nicholson/​Reuters

ZEIT ONLINE: Ist die Wohnungsnot in der Mittelschicht angekommen? 

Allmendinger: Absolut. In den USA sagen Angehörige der Mittelschicht schon länger: Obdachlosigkeit? Kann uns auch passieren. Sie sei one pay cheque away – also eine Gehaltszahlung entfernt. Was sie meinen: Viele Leute verdienen zwar sehr ordentlich, haben aber auch riesige Kosten, etwa Ratenzahlungen für Hypotheken. Oft bleibt dann vom Monatsgehalt nicht mehr viel übrig, gerade in diesen teuren Gegenden in Los Angeles. Und wenn dann eine Zahlung ausbleibt, bricht das gesamte Konstrukt zusammen. Auch aus diesem Grund sieht man in diesen Vierteln relativ viele "Zu verkaufen"-Schilder an den Häusern. Ich kenne aber auch Fälle, die sich nach einiger Zeit wieder in diese Villenviertel einkaufen. Dieses in and out besser zu verstehen wäre wichtig.

In Deutschland ist das noch anders. Wenige Mittelschichtsangehörige fürchten, dass sie wohnungslos werden könnten. Das hat natürlich auch mit unserem Sozialstaat zu tun, der ab einem bestimmten Punkt über Arbeitslosengeld und Wohngeld abfedert. Und trotzdem: In den vergangenen eineinhalb Jahren hat sich die Lage sehr verändert.

ZEIT ONLINE: Inwiefern?

Allmendinger: Wenn 40 Prozent der Haushalte in deutschen Großstädten mittlerweile mehr als 30 Prozent ihres Einkommens für die Miete aufbringen, dann kommen wir langsam in eine schwierige Lage. Bei einem Einkommen von 2.000 Euro sind schon mal 600 Euro weg. Früher lag der Anteil für die Miete bei nicht mehr als 20 bis 25 Prozent.

Weil die Mieten immer weiter steigen, rechnen also mehr und mehr Menschen damit, dass sie ihre Wohnung unter Umständen nicht mehr halten können. Zu der Unsicherheit, die heutzutage viele bezüglich der Verlässlichkeit ihrer Einkommen haben, kommt also die Sorge: Kann ich mir meine Wohnung morgen noch leisten? Muss ich vielleicht wegziehen? Viele Städte haben einfach nicht mehr genug bezahlbare Wohnungen. Allein in Berlin fehlen 310.000. Diese Akkumulation von Verunsicherungen kann man als dramatisch bezeichnen. 

Zugleich nimmt die soziale Spaltung zu. Es gibt dicke rote Flecken auf der Landkarte, wo nur noch Wohngeldbezieher leben. Andererseits Viertel mit einem überproportional hohen Anteil von Immobilienbesitzern und Beziehern hoher Einkommen. Dabei brauchen wir durchmischte Wohnviertel. Sonst findet keine Begegnung mehr statt. In dieser Hinsicht ist Amerika ein Höllenvorbild.

ZEIT ONLINE: Welche Gefahr birgt diese Entwicklung für unsere Gesellschaft?

Allmendinger: Letztendlich steht die Demokratie auf dem Spiel. Weil eine Demokratie immer davon abhängt, dass sich Menschen zugehörig fühlen. Dass die kleinen Wirs der Familien miteinander verbunden sind und sich als Teil von großen Wirs fühlen. Dass das partikulare Vertrauen in Einzelne zu einem generalisierten Vertrauen in die Mitmenschen wird. Das aber setzt voraus, dass es Orte der Begegnung gibt. Die müssen wir wieder schaffen. Begegnungen sind die einzige Möglichkeit, ein Übermaß an Stereotypisierungen und Stigmatisierungen zu überwinden, unter denen unsere Gesellschaft zunehmend leidet. Ich glaube, es kann keine demokratische Gesellschaft geben, wenn bestimmte Gruppen langfristig ausgeschlossen sind. Aber genau das geschieht gerade.

Ein Recht auf Wohnen im Grundgesetz

ZEIT ONLINE: Was kann man tun? Wenn es der Markt allein nicht richten kann, ist dann der Staat gefragt?

Allmendinger: Ja, das ist eine politische Aufgabe. Und sie wird immer wichtiger. Wir brauchen bezahlbaren Wohnraum, wir brauchen ein Recht auf Wohnen, das im Grundgesetz verankert ist. Wir brauchen eine präventive und eine reparierende Wohnungspolitik. 

ZEIT ONLINE: Sie haben vor 20 Jahren schon einmal einen neuen Begriff in die Armutsforschung eingebracht, den der Bildungsarmut. Analog dazu haben Sie nun den Begriff der Wohnungsarmut erarbeitet. Was genau ist Wohnungsarmut?

Allmendinger: Mir geht es darum, das Thema Wohnen systematisch in die Armutsforschung einzubringen. Genauso wie damals bei der Bildung. Wir müssen über Bildung sprechen, wenn wir über Armut sprechen. Fehlende Bildung schließt Menschen in so vielen Bereichen von der Gesellschaft aus. Das gilt selbst für Leute, die erwerbstätig sind.

Das gleiche Ziel habe ich jetzt beim Thema Wohnen. Hierfür brauchen wir Informationen über die Höhe der Wohnungsarmut, über die Gruppen, die davon betroffen sind, über die Zeit, die die Menschen ohne Wohnung leben. Wir brauchen eine Unterscheidung zwischen absoluter und relativer Wohnungsarmut.

ZEIT ONLINE: Was ist der Unterschied?

Allmendinger: Absolute Wohnungsarmut besteht dann, wenn jemand gar keinen Zugang zu einem eigenen Dach über dem Kopf hat, analog zur absoluten Armut, die bedeutet, dass die Mittel fehlen, um sich selbst zu ernähren. Relative Armut betrifft jene, die weniger als 60 Prozent vom Median verdienen. Übertragen auf die Wohnungsarmut geht es hier also darum, wie viele Menschen weit weniger Wohnfläche als der Durchschnitt der Menschen zur Verfügung hat.