ZEIT ONLINE: Ist eine Familie, die mit drei Personen in einer 60 Quadratmeter großen Zweizimmerwohnung lebt, wohnungsarm?   

Allmendinger: Ich habe die Berechnungen noch nicht abgeschlossen. Wenn es drei Erwachsene sind und wir das Konzept der relativen Wohnungsarmut heranziehen, wahrscheinlich schon. Was ich mir von der Unterscheidung zur absoluten Wohnungsarmut erhoffe, sind daran ansetzende Leistungen. Eine Anpassung des Wohngelds, ein höherer Mindestlohn, mehr sozialer Wohnungsbau. Und auch mit Wohnungsreichtum müssen wir uns auseinandersetzen; schließlich auch mit fehlenden Passungen aufgrund der gestiegenen Mieten: Wenn eine Witwe allein auf 180 Quadratmetern wohnt und sich nebenan eine vierköpfige Familie 50 Quadratmeter teilen muss, wie lösen wir das? Viele Senioren würden gern in kleineren Wohnungen leben, aber die anzumieten ist oft teurer, als in der großen zu bleiben. Wir müssen also über Mobilität über Wohnungsgrößen hinweg sprechen.

ZEIT ONLINE: Wie lässt sich diese Mobilität erreichen?

Allmendinger: Dazu brauchen wir auch hier zuallererst Daten. Wer lebt eigentlich wo und wie? Wenn man einen Überblick hat, kann man Matching-Verfahren anwenden. Der Witwe beispielsweise müsste man helfen, ihr konkrete Wohnungsangebote machen. Dafür brauchen wir so etwas wie Wohnungsmakler, die kommen und sagen: "Wir hätten eine Wohnung für Sie nicht weit entfernt. Wir renovieren sie für Sie. Könnten Sie sich vorstellen umzuziehen?" Heutzutage überlassen wir diese Suche den Menschen selbst, und die sind überfordert.

ZEIT ONLINE: Aber selbst wenn Mieter zum Tausch bereit sind, scheitert es am Ende ja meist daran, dass mit neuen Verträgen beide Wohnungen teurer wären.

Allmendinger: Das ist genau der Mechanismus, an dem Berlin gerade knabbert. Das Problem muss man unter Kontrolle bekommen, durch eine Art Mieterhöhungsregulierung.

ZEIT ONLINE: Wie der Mietendeckel, über den Berlin gerade streitet?

Allmendinger: Zum Mietendeckel kann ich mich nicht äußern, die rechtlichen Fragen sind noch nicht geklärt. Aber eines ist klar: Irgendeine Form der Regulierung muss es auf jeden Fall geben.

ZEIT ONLINE: Und wer würde das Matching der Kandidaten für einen Wohnungstausch übernehmen? Ist das Ihrer Vorstellung nach eine Art städtische Agentur?

Allmendinger: Idealerweise würden diese Matchers die Organisation gleich verbinden mit der Frage des selbstständigen Wohnens im Alter. Wir müssen in eine Mietpolitik einsteigen, die alle assoziierten Fragen, etwa die Durchmischung von Stadtteilen, von Anfang an mitdenkt. Wien zum Beispiel ist da ein gutes Vorbild. Wohnen muss auch bei uns eine der zentralen Kategorien der Politik werden. Und für die Durchmischung wiederum spielen auch Schulen eine große Rolle. So lässt sich zum Beispiel beobachten, dass die Segregation in dem Moment, in dem eine gute Schule in ein eigentlich heruntergekommenes Gebiet kommt, gebremst wird. Dann wandern weniger der gut situierten Menschen in andere Bezirke ab. Durch eine gute Infrastruktur können wir ganz viel beeinflussen.

ZEIT ONLINE. Berlin will ja nun immerhin eine erste Obdachlosenstatistik erstellen. Mit einem ähnlichen Verfahren, wie Sie es aus L.A. geschildert haben.

Allmendinger: Ja. Freiwillige werden in einer Nacht im Januar die Stadt durchkämmen und die Obdachlosen zählen. In einem Onlineportal kann man sich eintragen, ich werde selbst auch dabei sein. Langsam kommt Berlin nach vorn. Einerseits, weil die Stadt an einer engen Abstimmung des Umgangs mit Obdachlosen und Wohnungslosen über die einzelnen Stadtteile hinweg arbeitet, andererseits weil erstmals substanziell über Prekarität diskutiert wird. Hoffentlich wird bald auch das größer werdende Problem der Zwangsräumungen angegangen. Finanzielle Armut, Bildungsarmut und Wohnungsarmut fallen oft zusammen oder gehen ineinander über. Es ist dringend notwendig, alle Stränge zusammen zu betrachten.