Achim Truger ist auf Vorschlag der Gewerkschaften seit März 2019 Mitglied des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Lage. Seit April 2019 ist er zudem Professor für Sozioökonomie, Schwerpunkt Staatstätigkeit und Staatsfinanzen, an der Universität Duisburg-Essen.

ZEIT ONLINE: Herr Truger, die deutsche Wirtschaft schwächelt. Wie schlimm wird es?

Achim Truger: Die Lage hat sich deutlich verschlechtert. Was wir bisher sehen, deutet aber nur auf eine technische Rezession hin – also zwei Quartale mit leicht negativem Wachstum. Wenn unser derzeit wahrscheinlichstes Szenario eintritt, dann fängt sich die deutsche Wirtschaft im nächsten Jahr wieder. An einer echten Rezession, die die ganze Breite der Wirtschaft erfasst, würden wir dann vorbeischrammen. Aber ausgemacht ist das nicht. Die Risiken, dass es schlimmer kommt, sind relativ hoch.

ZEIT ONLINE: Ist es nicht normal, dass es nach einer wirklich langen Phase des Aufschwungs irgendwann wieder abwärts geht?

Truger: Wir hatten in den vergangenen Jahren viel Glück: Denn es gab immer wieder schwierige Momente – beispielsweise in der Eurokrise. Da ist uns 2012 und 2013 die Nachfrage aus dem Euroraum weggebrochen. Sie wurde aber durch einen Boom in anderen Teilen der Welt aufgefangen. Klar ist: Der Aufschwung musste irgendwann enden. Aber das heißt nicht, dass wir nichts dagegen unternehmen könnten und auch sollten.

ZEIT ONLINE: Wovon hängt ab, ob wir in eine tiefe Rezession rutschen oder einigermaßen glimpflich davonkommen?

Truger: Die deutsche Industrie ist bereits in der Rezession. Diese Entwicklung könnte sich auf den Dienstleistungsbereich ausweiten und auch den Arbeitsmarkt erfassen. Es kann aber noch einige Monate dauern, bis man das nicht nur in Frühindikatoren, sondern in harten Zahlen sieht.

ZEIT ONLINE: Sollte die Bundesregierung trotzdem jetzt schon handeln?

Truger: Die Regierung sollte auf jeden Fall vorbereitet sein, kurzfristig zu handeln, wenn sich die Lage absehbar weiter verschlechtert. In der Konjunkturpolitik sind drei Kriterien entscheidend: Die Maßnahmen sollten rechtzeitig kommen, gezielt sein und nur zeitlich befristet wirken.

ZEIT ONLINE: Was schlagen Sie vor?

Truger: Man kann den Unternehmen zum Beispiel Abschreibungen erleichtern, damit sie Investitionen vorziehen. Oder einen Kinderbonus auszahlen – also einmalig das Kindergeld erhöhen, damit Familien mehr Geld ausgeben. Denkbar wäre auch ein zeitlich befristeter Abschlag von der Einkommenssteuer.

ZEIT ONLINE: Sie sagen, man merkt die tiefe Rezession erst Monate später. Wie soll da die Bundesregierung den richtigen Zeitpunkt erwischen?

Truger: Ich würde der Bundesregierung raten, lieber ein wenig zu früh zu handeln als zu spät. Die Abschreibungsmöglichkeiten für Unternehmen könnte man jetzt schon in Angriff nehmen. Es schadet ganz sicher nicht, wenn Firmen jetzt Investitionen vorziehen.

ZEIT ONLINE: Sie sprechen sich auch für mehr öffentliche Investitionen aus. Aber wie bekommt die Öffentliche Hand das Geld überhaupt auf die Straße? Der Bausektor ist ausgelastet und in den Kommunen fehlen die Mitarbeiter für die Projektkoordinierung.

Truger: Das Argument hört man nun bereits seit mehreren Jahren. Wenn es wirklich an Planungskapazitäten mangelt: Warum wurde nichts dagegen unternommen?