Hohe Mieten, dreiste Vermieter, dazu die Angst, sich eine Wohnung bald nicht mehr leisten zu können: Der Mietmarkt bereitet dieser Tage vielen Menschen Sorgen und beschäftigt auch die Politik mehr denn je. Im Schwerpunkt "Mieten am Limit" beleuchtet ZEIT ONLINE die verschiedenen Facetten der Krise – mit Reportagen, Datenanalysen und Interviews.

Ein Bündel Papier ist seine Waffe im Kampf gegen den Leerstand. Michael Karnetzki ist stellvertretender Bezirksbürgermeister von Berlin Steglitz-Zehlendorf und will der Mietpreisbremse und dem Mietendeckel ein neues Instrument hinzufügen. Der Mietmarkt in der Hauptstadt ist angespannt, aber das Land Berlin ist auch vergleichsweise progressiv, wenn es darum geht zu experimentieren, damit Mieter geschützt werden.

Karnetzki setzt große Hoffnungen auf einen kleinen Stapel zusammengetackerter Seiten. Es ist das "Gesetz über das Verbot der Zweckentfremdung von Wohnraum". Als Bezirksstadtrat ist der SPD-Politiker für Ordnung, Nahverkehr und Bürgerdienste verantwortlich und er hat sich fest vorgenommen, auf der Basis des Gesetzes in Berlin ein Exempel zu statuieren: Erstmals soll einem Eigentümer sein Haus vorübergehend weggenommen werden, weil er es leerstehen lässt.

Für Karnetzki ist es eine Provokation, dass Wohnungen und ganze Häuser leerstehen und vor sich hingammeln, während in der Hauptstadt Tausende eine Unterkunft suchen. Wie München, Frankfurt und Köln führt auch Berlin dieser Tage einen verzweifelten Kampf gegen die Krise am Immobilienmarkt. Das Verhältnis von Angebot und Nachfrage im Wohnungsmarkt ist völlig aus der Balance geraten, die Mieten steigen, teils dramatisch. Jeder Quadratmeter Wohnfläche wird gebraucht. Warum also soll der Staat es hinnehmen, wenn Eigentümer über Wohnraum verfügen, ihn aber brach liegen lassen?

25 Geisterhäuser allein in Berlin

Karnetzkis Versuchsobjekt liegt ein paar Kilometer entfernt von seinem Büro im Rathaus. Ein vierstöckiger Altbau mit elf Wohnungen, gute Lage im Berliner Stadtteil Lichterfelde. Adresse: Gardeschützenweg 3. Man sieht von Weitem, dass dort schon lange niemand mehr wohnt. Fensterscheiben sind zerschlagen, der Putz bröckelt, das Dach ist notdürftig mit einer Plane bedeckt. Verblichene Schriftzüge ehemaliger Geschäfte zeugen von besseren Zeiten: "Reformhaus" steht auf der einen Seite, "Four Seasons Sunroom" auf der anderen. Heute sind die Schaufenster mit Graffiti beschmiert, einige mit Rollläden verschlossen. Ein Bauzaun sichert das Gebäude, weil Fassadenteile herabzufallen drohen.

Alleine in der Hauptstadt soll es dem Berliner Senat zufolge 20 bis 25 solcher Geisterhäuser geben. Laut Recherchen des rbb sind es deutlich mehr, der Sender berichtet von 75 verrottenden Häusern. Auch in anderen deutschen Großstädten stehen Häuser länger oder dauerhaft leer und verfallen. Allerdings sind bundesweite Zahlen dazu nur schwer zu ermitteln, vor allem, weil es für Geisterhäuser keine offizielle Definition gibt. Manchmal stehen Immobilien nur übergangsweise leer, häufig sind Erbstreitigkeiten oder andere ungeklärte Eigentumsfragen der Grund. In Städten wie Köln, Stuttgart oder Hamburg gibt es ebenfalls Zweckentfremdungsverbote, die unnötigen Leerstand, Umwandlung in Gewerberäume und Ferienwohnungen verhindern sollen. Doch die Frage ist: Wie weit darf der Eingriff des Staates gehen? Bis zur Enteignung?

Ziemlich weit, sagt Karnetzki. "Wenn Wohnraum zu anderen als Wohnzwecken genutzt wird", zitiert er aus dem Gesetz, könne das im Maximalfall mit einer Geldbuße bis zu 500.000 Euro geahndet werden. Wenn ein Eigentümer seinen Wohnraum unbegründet länger als drei Monate leerstehen lasse, ist das schon eine Zweckentfremdung. Ein Missstand qua Gesetz also. Nur stoßen bisher die Gegenmaßnahmen der Bezirke oft an ihre Grenzen.

Dann zum Beispiel, wenn den Eigentümern Geld egal ist – wie anscheinend am Gardeschützenwegs 3. Anders ist der Leerstand kaum zu erklären. Immerhin, so wird geschätzt, entgingen dem Eigentümer monatliche Mieteinnahmen im fünfstelligen Bereich. Eine persönliche Kontaktaufnahme zu Santosh A., bei dem es sich laut Berliner Lokalmedien um einen pensionierten Chefarzt jenseits der 70 handeln soll, war auch über seinen früheren Anwalt nicht möglich. Dem Mann sollen über ein Dutzend Mietshäuser in Berlin gehören, von denen viele komplett oder teilweise leerstünden, heißt es.