Der Bundestag hat das Klimaschutzgesetz im großen Teilen verabschiedet – Großbritannien hat schon seit elf Jahren eins. Seither sind die Emissionen dort kontinuierlich gesunken. Der Ökonom Adair Turner spielte dabei eine wichtige Rolle: Er war von 2008 bis 2012 erster Vorsitzender des Committee on Climate Change, einer Expertenkommission, die für die Erarbeitung der britischen Emissionsbudgets verantwortlich ist. Zusätzlich stand er von 2008 bis 2013 der britischen Finanzaufsicht vor. Seit 2005 ist Turner Mitglied im House of Lords. Heute arbeitet er als Senior Fellow am Institute for New Economic Thinking (INET)Im Interview spricht er über den Erfolg des britischen Klimaschutzgesetzes und mögliche Lehren für Deutschland. 

ZEIT ONLINE: Herr Turner, das britische Klimaschutzgesetz sah ursprünglich vor, die Emissionen bis 2050 um 80 Prozent zu reduzieren. Im Juni verschärfte die Regierung, damals noch unter Theresa May, das Ziel: Großbritannien will nun bis 2050 klimaneutral werden. Wie realistisch ist das? 

Adair Turner: Ich bin absolut sicher, dass wir unsere Emissionen bis 2050 netto auf null senken können, und zwar zu eher belanglosen Kosten. Wir werden auf etwa ein Prozent des Bruttoinlandsprodukts verzichten müssen. Unsere Wirtschaft wird weiterhin wachsen – nur eben etwas langsamer.

ZEIT ONLINE: Netto null bedeutet, dass es zwar noch Emissionen geben wird, die dann aber durch sogenannte Offsets ausgeglichen werden, also den Zukauf von CO2-Zertifikaten.

Turner: Ja. Der Zukauf wird aber nur eine Restgröße darstellen. Die Technik entwickelt sich so schnell, dass wir beispielsweise in der Stromerzeugung so gut wie kein CO2 mehr ausstoßen werden. Wir brauchen dann keine Kohle mehr – vielleicht noch eine kleine Menge Gas, aber deren Emissionen lassen sich dann durch die Speicherung von Kohlendioxid im Untergrund (CCS) ausgleichen. Sogar die Stahl- und Zementproduktion oder der Flugverkehr lassen sich so umbauen, dass sie keine Emissionen mehr ausstoßen. Jedes reiche, entwickelte Land kann – und sollte – das tun. Die Kosten sind so gering, dass wir sie am Ende nicht einmal bemerken werden.

ZEIT ONLINE: In Deutschland wären vermutlich viele überrascht über so viel Vertrauen in die Dekarbonisierung der Wirtschaft.

Turner: Es überrascht mich, dass man darüber überrascht sein kann. Schauen Sie sich die Technologien an, die Kosten, die Zahlen! Ich kann mir keinen Sektor der Wirtschaft vorstellen, der nicht bis 2050 emissionsfrei arbeiten könnte. Das ist absolut machbar. Für Leute, die behaupten, wir könnten das nicht schaffen, habe ich wirklich keinen Respekt.

ZEIT ONLINE: Großbritannien nutzt weiter Kernkraft, im Gegensatz zu Deutschland ...

Turner: Ich denke, dass Deutschland einen Fehler gemacht hat, die Kernkraftwerke vor dem Ende ihrer Lebensdauer abzuschalten. Das war eine groteske Entscheidung, denn es macht den Übergang zu einer emissionsfreien Wirtschaft viel schwieriger. Man muss die erneuerbaren Energien noch schneller aufbauen. Auf kurze Sicht ist der Atomausstieg schlecht für den Kampf gegen den Klimawandel.

ZEIT ONLINE: Sie sagen, es gibt keine Branche, die sich nicht bis 2050 umstellen könnte. Was ist mit der Autoindustrie?

Turner: Für die deutsche Autoindustrie ist der Wandel in der Tat eine große Herausforderung. An ihr hängen viele Arbeitsplätze und der Erfolg der Unternehmen basiert auf dem Verbrennungsmotor. Jetzt kommen Elektroautos, die deutlich effizienter sind und leichter herzustellen und die so gut wie nicht kaputt gehen. Für ein E-Auto und seinen Betrieb werden die Kundinnen und Kunden deshalb langfristig deutlich weniger zahlen.

Die Autohersteller werden sich deshalb verändern müssen. Aber bis 2050 ist das machbar. Sicher werden dann deutlich weniger Menschen in der Autoindustrie arbeiten. Aber so funktioniert nun mal der Kapitalismus: Sobald neue Technologien aufkommen, wandern Arbeitsplätze von einer Branche in die andere. Für die Autoindustrie ist das eine große Umstellung, aber die Verlagerung von Arbeitsplätzen aus der Landwirtschaft in die Industrie zwischen 1950 und 1970 war beispielsweise für Länder wie Deutschland, Frankreich und Italien eine viel größere Veränderung.