Hohe Mieten, dreiste Vermieter, dazu die Angst, sich eine Wohnung bald nicht mehr leisten zu können: Der Mietmarkt bereitet dieser Tage vielen Menschen Sorgen und beschäftigt auch die Politik mehr denn je. Im Schwerpunkt "Mieten am Limit" beleuchtet ZEIT ONLINE die verschiedenen Facetten der Krise – mit Reportagen, Datenanalysen und Interviews.

Eine lichtdurchfluteter Altbau mit Dielenfußboden, die Regale aus alten Obstkisten, eine große Kuh als Graffito an der Wand: die Wohnung, die auf der Plattform Wunderflats als "wundervolles Zuhause" angepriesen wird, ist der Traum vieler Berliner – oder solcher, die es werden wollen. Das Ein-Zimmer-Apartment liegt im "trendigen" Berliner Stadtteil Neukölln, wie es im Inserat heißt – das zuerst auf Englisch geschrieben ist. Die 35 Quadratmeter haben ihren Preis: 1.400 Euro kostet die Wohnung, mietbar ab drei Monaten. Dafür ist sie möbliert: Bett und Bettwäsche, Sofa, zwei Stühle und Tisch mietet man gleich mit.

Wer sich auf die Suche nach einer Wohnung macht, der stößt immer öfter auf solche Angebote. Professionelle Vermittlerportale wie Homelike, City-Wohnen, White Apartments oder der nach eigenen Angaben deutsche Marktführer Wunderflats haben ein Geschäftsmodell aus dem möblierten Wohnen gemacht. Ihr Prinzip: Gegen Provision – meist einem Prozentsatz der Miete – helfen sie Vermietern bei der Vermittlung des eingerichteten Apartments. "White Apartments ist Experte für die Optimierung Ihrer Rendite durch möblierte Vermietung", heißt es bei dem Anbieter aus Berlin. Im Unterschied zu Airbnb vermitteln diese Anbieter nur Wohnungen, die mindestens einen Monat vermietet werden.

Ihr Geschäft wächst rasant: In den vergangenen zehn Jahren hat die Zahl der inserierten Angebote für möblierte Wohnungen stark zugenommen, wie eine Auswertung von Angebotsdaten aus rund 120 Immobilienportalen des Immobilienforschungsinstituts F+B aus Hamburg zeigt. Von 2007 bis 2014 stieg das Angebot deutschlandweit von 32.500 auf 132.400, das entspricht einem Plus von gut 400 Prozent. Zwar ging die absolute Zahl im vergangenen Jahr leicht zurück, aber Ende 2018 lag der Anteil möblierter Wohnungen am Gesamtwohnungsangebot bei 13,3 Prozent, so F+B. "Die zunehmende Flexibilisierung und Globalisierung der Arbeitswelt haben den Bedarf für Kurzzeitmietverhältnisse für eine mobile und oft zahlungskräftige Kundschaft geschaffen", sagt F+B-Sprecher Manfred Neuhöfer.

Doch nicht nur die Nachfrage ist gestiegen, auch die Preise. Zwischen den Jahren 2005 und 2018 erhöhte sich laut F+B die durchschnittliche Miete für möblierte Wohnungen deutschlandweit um knapp 50 Prozent, die für unmöblierten Wohnraum lediglich um rund 18 Prozent. Besonders spannend: In den Städten, in denen die Mieten für möblierte und unmöblierte Wohnungen besonders stark auseinanderklaffen, sei das Angebot an möblierten Wohnungen tendenziell stärker ausgebaut worden. 

Besonders auffällig ist diese Entwicklung in München: Der Marktanteil möblierter Wohnungsangebote lag hier im vergangenen Jahr bei 44 Prozent, die Preise waren mit 25,98 Euro pro Quadratmeter im Vergleich mit den sieben größten Städten Deutschlands am höchsten, wie F+B-Zahlen zeigen.

Im Sozialreferat der Stadt München hat man das durchaus bemerkt. Aber man habe bislang kein wirkungsvolles Instrument dagegen, heißt es. Es klingt resigniert.

Diese Entwicklung beschäftigt vor allem Mieterschützer. Ihr Vorwurf: Mithilfe der Möblierung umgehen Vermieter gezielt die Mietpreisbremse – und nutzen so die angespannte Lage auf dem Mietmarkt in Großstädten aus. Keine Frage, es gebe immer Nachfrage nach möbliertem Wohnraum, für Fachkräfte etwa oder wenn sich ein Paar getrennt habe und einer aus der gemeinsamen Wohnung ausziehe, sagt Ulrich Ropertz, Geschäftsführer des Deutschen Mieterbunds. "Das rechtfertigt aber nicht ein Drittel des Angebots." Mithilfe der Möblierung werde der tatsächliche Preis verschleiert: "Der Mietpreis, der in diesen Wohnungen aufgerufen wird, ist nicht transparent."