Trotz der sich abschwächenden Konjunktur rechnet der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung derzeit nicht mit einer "tiefergehenden" Rezession in Deutschland. "Der Aufschwung ist beendet, bislang ist jedoch nicht von einer breiten und tiefgehenden Rezession auszugehen", prognostizierten die sogenannten fünf Weisen in ihrem nun vorgelegten Jahresgutachten. Sie senkten ihre Wachstumsprognose für 2019 auf 0,5 (bisher: 0,8) Prozent, für das kommende Jahr gehen sie von einem Wachstum um 0,9 Prozent aus. Die Regierung rechnet in ihrer Herbstprognose mit 0,5 Prozent Wachstum in diesem und 1,0 Prozent Wachstum im nächsten Jahr.

Wie es in dem Jahresgutachten mit dem Titel "Den Strukturwandel meistern" weiter heißt, befinde sich die deutsche Wirtschaft im Abschwung, vor allem in der Industrie. Eine langsame Belebung sei frühestens im Jahresverlauf 2020 zu erwarten. Dennoch ist ein Konjunkturprogramm nach Ansicht der Experten "derzeit nicht angezeigt". Als Grund gaben die Ökonomen die bereits ausgabenfreudige Fiskalpolitik von Union und SPD an. Die Schuldenbremse lasse Spielräume für mehr öffentliche Investitionen.

Zugleich gehen die Experten von "erheblichen Risiken" für die Konjunktur aus. "Insbesondere eine Eskalation der Handelskonflikte würde die exportorientierte deutsche Wirtschaft empfindlich treffen", heißt es. In der Folge könnten mehr Firmenpleiten und Kreditausfälle drohen. Im Immobiliensektor zeigen sich nach ihrer Einschätzung bereits jetzt deutlich erhöhte Risiken. Dem sollte etwa durch eine Erhöhung der Eigenkapitalanforderungen für Immobilienkredite entgegengesteuert werden. 

Die Politik forderten die Experten zu Investitionen in Bildung, Forschung und Innovationen auf. Wegen der verhaltenen Konjunkturaussichten und des Strukturwandels, der Digitalisierung und der Herausforderungen rund um den Klimawandel müsse die Politik das Wachstumspotenzial der Wirtschaft stärken.

Wie zuvor die Frankfurter Allgemeine Zeitung und die Süddeutsche Zeitung berichteten, stellen die Ökonomen vor diesem Hintergrund auch die schwarze Null im deutschen Bundeshaushalt infrage. Ein Festhalten an einem ausgeglichenen Etat birgt nach Ansicht der Experten die Gefahr, den Abschwung noch zu verstärken.  

Der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung (SVR) wurde 1963 eingerichtet, um die Politik zu beraten. Er setzt sich zusammen aus fünf Professoren, den sogenannten Wirtschaftsweisen, die für mehrere Jahre ernannt werden. Vorsitzender ist der Essener Ökonom Christoph Schmidt, dessen Amtszeit im Februar 2020 ausläuft. Dem Gremium gehören außerdem Achim Truger, Lars Feld, Isabel Schnabel und Volker Wieland an. Auch Schnabel dürfte das Gremium bald verlassen, da die Bundesregierung sie für das Direktorium der Europäischen Zentralbank nominiert hat.