Der Vorschlag von Bundesfinanzminister Olaf Scholz, eine Finanztransaktionssteuer auf den Erwerb von Aktien einzuführen, hat diese Woche bei manchen einen Schrei der Empörung ausgelöst. Die Steuer sei ungerecht, weil sie die Kleinsparer belaste. Und sie sei schädlich, weil sich die private Vorsorge dann noch weniger lohne. Denn in Zeiten der "Enteignung der Sparer" durch Null- oder sogar Negativzinsen, so die Kritiker, sei die Finanztransaktionssteuer ein weiterer Schlag ins Gesicht der Menschen, die wenig hätten. Ein solches Narrativ des gebeutelten Kleinsparers verkauft sich in Politik und Medien gut. Aber was ist dran an diesen Argumenten?

Zuerst einmal zur Finanztransaktionssteuer selbst: Eine Reihe europäischer Regierungen will in Zukunft eine Steuer von 0,2 Prozent auf den Geschäftswert beim Erwerb von Aktien erheben. Dies gilt nur für Aktien von Unternehmen mit einem Marktwert von mehr als einer Milliarde Euro. In Deutschland trifft das auf 145 Unternehmen zu, in den teilnehmenden europäischen Mitgliedsländern insgesamt auf mehr als 500.

Gleich mehrere Tatsachen stechen hervor. Erstens: 40 Prozent der Deutschen haben praktisch kein Vermögen, kein Erspartes. Sie leben von ihrer Arbeit, können aber nichts für später zurücklegen. Viele müssen trotzdem noch aufstocken und zusätzliche staatliche Leistungen in Anspruch nehmen. Dies betrifft vor allem Alleinerziehende, Familien mit Kindern, Menschen mit gesundheitlichen Problemen und mit geringen Qualifikationen. Wo kein Vermögen ist, können weder eine Finanztransaktionssteuer noch die Nullzinsen irgendeinen finanziellen Schaden anrichten.

Zum zweiten erwerben nur sehr wenige Menschen überhaupt Aktien, denn Deutschland hat eine sehr schwach ausgeprägte Aktienkultur. Nach Schätzungen der Deutschen Bundesbank halten nur elf Prozent der Deutschen Aktien direkt. Einige mehr besitzen indirekt Aktien, beispielsweise über Pensionskassen. Es sind überwiegend Bürgerinnen und Bürger mit hohen Einkommen oder hohen Vermögen, die in Aktien investieren und von einer Finanztransaktionssteuer betroffen wären. Das sind wohl kaum die "Kleinsparer" oder "Kleinaktionäre", wie mancher Gegner der Finanztransaktionssteuer gerne argumentiert. Es kann also nicht wirklich glaubwürdig behauptet werden, die Finanztransaktionssteuer schade der privaten Vorsorge.

Ist die Finanztransaktionssteuer verhältnismäßig? Es ist schwer, einen Vergleich für eine Einordnung zu finden. Am nächsten mag der Erwerb von Immobilien kommen. Wenn also ein sogenannter Kleinsparer ein Eigenheim erwirbt, dann zahlt er oder sie (je nach Bundesland meist) 6,5 Prozent des Wertes an Grunderwerbsteuer plus eine jährlich anfallende Grundsteuer. Kurzum, im Vergleich zur steuerlichen Belastung eines Eigenheims ist die Finanztransaktionssteuer äußerst gering. Und die Grunderwerbsteuer trifft fast jeden zweiten Deutschen, die Finanztransaktionssteuer dagegen nicht nur eine sehr viel kleinere Gruppe, sondern auch eine, die von ihrem Einkommen und ihrer Leistungsfähigkeit eine solche Steuer gut schultern kann.