Die deutsche Wirtschaft wird in den kommenden beiden Jahren spürbar wachsen. Zu dieser Voraussage kommen führende Forschungsinstitute: Sowohl das Münchner Ifo-Institut als auch das Kieler IfW und das IWH aus Halle prognostizieren für 2020 ein Bruttoinlandsprodukt von 1,1 Prozent – und damit doppelt so viel wie im laufenden Jahr mit 0,5 Prozent. Im Jahr darauf treiben höhere Investitionen des Staates und sinkende Steuern das Wachstum dann auf 1,5 Prozent, erwarten Ifo und IfW. Die Experten aus Halle rechnen sogar mit 1,6 Prozent.

"Die deutsche Wirtschaft stabilisiert sich", sagte Ifo-Konjunkturchef Timo Wollmershäuser und sieht den Grund vor allem in der Finanzpolitik der Bundesregierung: "Sie schiebt die Konjunktur an: über Entlastungen bei Steuern und Sozialbeiträgen, über eine Ausweitung staatlicher Transfers und über eine Zunahme der öffentlichen Konsum- und Investitionsausgaben". Pro Jahr seien dies jeweils knapp 25 Milliarden Euro, die das Wachstum um etwa einen Viertel Prozentpunkt anheben würden. "Derzeit ist eine gesamtwirtschaftliche Rezession unwahrscheinlich", sagte Wollmershäuser.

Leichtes Defizit erwartet

Die Zeit der extrem hohen Haushaltsüberschüsse dürfte angesichts dieser Politik nach Auffassung der Institute aber zu Ende gehen. "Die Teilabschaffung des Soli mindert die Einnahmen, was durch die Einführung der CO2-Steuer nicht kompensiert werden kann", sagte der Konjunkturchef des Instituts für Weltwirtschaft (IfW), Stefan Kooths. "Und die Einführung der Grundrente sowie die Umsetzung des Klimapakets führen zu zusätzlichen Ausgaben." Nach dem Rekordüberschuss von mehr als 60 Milliarden Euro 2018 sei für das zu Ende gehende und das kommende Jahr zwar jeweils noch mit schwarzen Zahlen zu rechnen. Für 2021 zeichne sich aber ein "leichtes Defizit" ab.

Das größte Konjunkturrisiko bleibt laut des Vizepräsidenten des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) eine erneute Zuspitzung der Handelskonflikte zwischen den USA und China oder der Europäischen Union. Oliver Holtemöller sieht auch ein Risiko speziell für die deutsche Konjunktur: der Strukturwandel in der Automobilindustrie. Dieser würde mehr gut bezahlte Arbeitsplätze kosten und mehr Unternehmen aus dem Markt drängen als bislang angenommen. "Der Kaufkraftrückgang, der mit einer Krise des Automobilsektors verbunden wäre, könnte die gesamtwirtschaftliche Nachfrage in Deutschland spürbar dämpfen", warnt das IWH.

Auch Ifo-Mann Wollmershäuser spricht von spezifischen Risiken für deutsche Exportunternehmen. "Der von den USA ausgehende Handelskonflikt belastet den Warenaustausch und die Investitionen", sagte er. "Dies trifft die deutsche Industrie besonders hart, da sie auf Vorleistungs- und Investitionsgüter spezialisiert ist." Besser geht es da Branchen, die auf den Binnenmarkt fokussiert sind. Derartige Dienstleister und Bauunternehmen dürften deshalb weiter wachsen, so der Konjunkturexperte.

Die Konjunktur in Deutschland gibt also weiterhin ein gespaltenes Bild ab, was den Arbeitsmarkt aber nicht beeinträchtigen sollte. Dem Ifo-Institut zufolge wird die Zahl der Beschäftigten weiter steigen und 2021 den Rekordwert von knapp 45,6 Millionen erreichen. Die Arbeitslosigkeit soll 2021 unter die Marke von 2,2 Millionen sinken.