Amerikanischer als "Black Friday" geht es nicht, die Shoppingorgie, die auf den uramerikanischen Feiertag Thanksgiving am jeweils letzten Novemberdonnerstag folgt. Wiewohl absolut undeutsch, hat der Schwarze Freitag (dieses Jahr am 29.11.) auch hierzulande einen Sturm auf Schnäppchen und Rabatte entfesselt. Weil der Deutsche ein gründlicher Mensch ist, haben manche Konsumtempel auch noch den "Black Thursday", ja, die ganze "Black Week" ausgerufen – auf Englisch, versteht sich.

Die hiesige Kulturgeschichte kennt weder Thanksgiving noch Black Friday. Die amerikanische Legende besagt, dass die Polizei von Philadelphia in den Fünfzigern den Schwarzen Freitag zu fürchten begann, weil die Massen nach Thanksgiving im Kaufrausch die Innenstadt stürmten. Dort blockierten sie den Verkehr und zwangen den Gesetzeshütern endlose Überstunden auf. Eine andere Lesart: An diesem Tag schrieben die Geschäfte nach müden Novemberumsätzen plötzlich schwarze Zahlen.

Nur: Mit deutschen Gepflogenheiten hat der Schwarze Freitag ebenso wenig zu tun wie Halloween, ein Kostümfest, das zum Nationalfeiertag deutscher Kids mutiert ist. Das wirft ein Paradox auf. Eigentlich mögen die Deutschen die Amis nicht, wie jüngst eine Umfrage abermals bestätigt hat. Drei Viertel der Amerikaner stufen das Verhältnis zu den Deutschen als "gut" ein; umgekehrt gilt das nur für ein Drittel der Hiesigen (2018 waren es sogar nur 24 Prozent). Andererseits ist wohl keine europäische Gesellschaft so amerikanisiert wie die deutsche.

Der Poppsychologe wundert sich und diagnostiziert "Nachahmung ohne Zuneigung". Die Leute essen, trinken, hören, tanzen, gucken und kleiden sich amerikanisch: Burger und Bagel, Coke und Smoothies, Rock und Rap, Netflix und Hollywood, Jeans und Sneaker (die früher mal Turnschuhe hießen). Das Hoodie hat die Kapuzenjacke verdrängt. Junge Deutsche fragen einander: "Bist du okay?" und "Wie geht's deiner Mom?" Sie wollen cool, hip und happy sein. Sie chillen, liken und sie posten ihre Selfies. Die Älteren reden von "Hype", "Work-Life-Balance", "Fake-News" und "Low-Carb". Der Verein Deutsche Sprache mag toben, aber kein Mensch würde seine Games auf einen Klapprechner statt auf den Laptop laden. US-Filme haben selbst die Körpersprache amerikanisiert. Wer etwas ironisieren will, malt mit beiden Händen Tüttelchen in die Luft.

Einst konnte Deutschland seine überlegende Hochkultur gegen Amerikas Hinterwäldler ins Feld führen: Göttingen und Heidelberg, Max Planck und Albert Einstein. Der verschwand allerdings nach Princeton. Heute kassieren Amerikaner die meisten Nobelpreise, und in den gehobenen Ständen Deutschlands träumen ehrgeizige Eltern davon, ihre Kinder in Harvard und Stanford unterzubringen. Die Verlockung siedelt eben nicht nur in den Niederungen der Popkultur, sondern auch in den Laboren, Bibliotheken und jenen US-Universitäten, die 16 Plätze unter den globalen Top-20 besetzen.

Der Verlust der europäischen Kulturhoheit schmerzt zu Recht und nährt das Ressentiment gegen die Parvenüs jenseits des Atlantiks. Das verschärft aber das Paradox: Wieso zeugt das Modell Amerika weltweit so viel Aneignung? Eine Antwort lieferte der frühere französische Außenminister Hubert Védrine. Er schrieb Amerika eine "gewisse psychologische Macht" zu, die "Fähigkeit, die Träume und Wünsche anderer Nationen zu formen".