Das größte Börsendebüt der Welt ist eine Enttäuschung. Saudi Aramco, der größte Ölkonzern der Welt, wird seine Aktien an diesem Mittwoch in Riad listen lassen. Und die Zahlen sind beeindruckend. Das Unternehmen erwartet, rund 29 Milliarden Dollar von Investoren einzusammeln. Damit liegt es über den 25 Milliarden, die der chinesische Onlinekonzern Alibaba vor fünf Jahren bei seinem Börsengang in New York erhielt. Aramco dürfte einen Börsenwert von 1,7 Billionen Dollar erreichen. Der saudische Börsenneuling überholt auf Anhieb die mit jeweils 1,19 und 1,16 Billionen Dollar bisher wertvollsten Unternehmen Apple und Microsoft.

Aramco, das bis zu seiner Nationalisierung 1970 besser als Arabian American Oil Company bekannt war, verfügt über Ghawar, das größte Ölfeld der Welt, das laut dem Börsenprospekt rund die Hälfte der saudischen Ölproduktion liefert. Weitere 48 Milliarden Barrel sollen dort noch im Boden sein. Und die Saudis können sich mit noch einem Rekord brüsten: Aramco ist das mit Abstand profitabelste Unternehmen der Welt. Im Jahr 2018 warf der Konzern einen Gewinn von 111 Milliarden Dollar ab – so viel wie der Gewinn von Apple, Google und Exxon im selben Zeitraum zusammen. Der Umsatz von 355 Milliarden Dollar entspreche den gesamten Militärausgaben aller 28 EU-Mitglieder, kalkulierte das Wall Street Journal.

Angesichts all dieser Superlative hatte der Mann, der den Börsengang vor drei Jahren angestoßen hat, allerdings mehr erwartet: Mohammed bin Salman, kurz MBS. Als der saudische Kronprinz und De-facto-Herrscher der absolutistischen Golf-Monarchie die Idee 2016 aufbrachte, sollte der Verkauf von lediglich fünf Prozent von Aramco märchenhafte 100 Milliarden Dollar einbringen. Damit wäre der gesamte Konzern mit zwei Billionen Dollar bewertet worden – mehr als je ein Unternehmen zuvor.

Wall-Street-Banker bestärkten den Prinzen in seinen Erwartungen. Sie träumten bereits vom Jahrhundertdeal, bei dem sie Hunderte Millionen Dollar an Gebühren kassieren würden. Dafür waren Institute – darunter JP Morgan Chase, die größte US-Bank, die britische HSBC und die Schweizer Credit Suisse – sogar bereit, über Menschenrechtsverletzungen im Königreich hinwegzusehen. Doch westliche Großinvestoren, denen die Banker die Aktien schmackhaft zu machen suchten, zeigten sich weit weniger begeistert. Schließlich sah sich MBS gezwungen, die Pläne für das Debüt deutlich zurückzufahren. Statt fünf Prozent von Aramco sind es nun nur noch 1,5 Prozent. Eine Hintertür hat sich der Konzern offengehalten: 2020 könnten weitere Anteile an einer internationalen Börse offeriert werden.

Unkalkulierbare Spannungen, niedriger Ölpreis

Ob Abwarten allein ausreicht, um die Skepsis der Großanleger zu überwinden, ist fraglich. Angesichts der wachsenden Auswirkungen des Klimawandels beginnen Vermögensverwalter sich um die langfristige Zukunft von Anlagen in fossile Brennstoffe zu sorgen. Eine zunehmende Umstellung auf Elektroautos könnte die Nachfrage nach Öl sinken lassen. Doch Ayham Kamel, Analyst beim Berater Eurasia Group, hält das nicht für ausschlaggebend für die Zurückhaltung. "Klimawandel war nur noch ein zusätzlicher negativer Faktor bei den Kalkulationen der Anleger." Geopolitische Risiken seien eine viel größere Sorge gewesen.

Wie verwundbar Aramco durch die Spannungen in der Region ist, zeigte die Drohnenattacke jemenitischer Rebellen im September auf Churais, das zweitgrößte Ölfeld des Landes, hinter der die amerikanische Regierung Saudi-Arabiens Erzrivalen Iran vermutet. Die Attacke legte auf einen Schlag rund fünf Prozent der Weltölproduktion lahm. Aber auch der grausame Mord an dem Journalisten Jamal Kashoggi im Oktober vergangenen Jahres durch saudische Agenten weckt bei westlichen Pensionskassen, Versicherungen und Investmentfonds Bedenken. Zudem ist eine Einmischung des Königshauses in die Geschäfte Aramcos nicht auszuschließen. MBS hat vor wenigen Monaten Khalid al-Falih, den langjährigen Energieminister, der auch im Westen gut bekannt und hervorragend vernetzt war, überraschend abgelöst und stattdessen seinen Halbbruder Abdulaziz bin Salman eingesetzt. Auch als Verwaltungsratschef von Aramco musste Al-Falih gehen. Dort hat nun Jasir al-Rumayyan, bisher der Chef des saudischen Staatsfonds und ein Vertrauter des Kronprinzen, das Sagen. 

Doch der Hauptgrund für die Skepsis der Investoren ist der anhaltend niedrige Ölpreis. Der Preis für Brent-Nordseeöl – der als globale Messlatte gilt – dümpelt seit einem vorübergehenden Hoch von 75 Dollar im April bei 60 Dollar per Barrel. Nicht einmal der Ausfall nach der Attacke auf Churais ließ ihn nachhaltig steigen. Dafür sorgen vor allem die US-Ölproduzenten, die mithilfe der umstrittenen Fördermethode Fracking die USA zum größten Erdölproduzenten vor Saudi-Arabien und Russland gemacht haben. Dank der Fracker hat sich die US-Produktion seit 2012 auf über 13 Millionen Barrel am Tag gesteigert. Die USA sind wieder zum Nettoexporteur von Petroleum geworden – zuletzt war das vor mehr als sieben Jahrzehnten der Fall. Der Aufstieg der USA zur Energie-Supermacht hat die Macht der Opec gebrochen. Nach der tiefen Wirtschaftskrise, die das Embargo der ölproduzierenden Länder in den Siebzigerjahren ausgelöst hat, konnte das Kartell der Erdölproduzenten den Abnehmerländern den Preis des wichtigen Rohstoffes praktisch diktieren. Das geschah durch die Festlegung der Produktionsmenge durch die Mitglieder. Saudi-Arabien als größter Opec-Produzent war dabei der De-facto-Taktgeber.