Saudi Aramco geht an die Börse. Klimapolitisch ist das bemerkenswert, denn der Ölkonzern verdient sein Geld mit fossilen Brennstoffen. Streng genommen müssten diese bald wertlos sein – zumindest, wenn man das 2015 im Pariser Klimaabkommen im Rahmen der Vereinten Nationen vereinbarte und auch von Saudi-Arabien unterschriebene Ziel ernst nimmt, die Erderwärmung bei deutlich unter zwei Grad Celsius zu begrenzen. Dann nämlich dürften Öl, Kohle und Gas schon in wenigen Jahren gar nicht mehr verbrannt werden.

ZEIT ONLINE: Herr Steckel, der Börsengang von Saudi Aramco könnte der bisher größte weltweit werden. Der Konzern wird derzeit mit mehr als 1,6 Billionen Euro bewertet; die Aktien, die bald gehandelt werden, sollen einen Erlös von etwa 25 Milliarden einbringen. Wie kann es sein, dass ein Ölkonzern vier Jahre nach dem Abschluss des Pariser Klimaabkommens so hoch gehandelt wird – nehmen die Investoren das Abkommen überhaupt ernst?

Jan Steckel: Interessanterweise sollte der Börsengang deutlich größer ausfallen. Jetzt bringt Saudi-Arabien nur 1,5 Prozent von Saudi Aramco an den Markt. Ein Grund dafür war, dass die Investoren Zweifel am Wert des Unternehmens hatten – nicht nur, aber auch wegen der Klimapolitik.

Zugleich müssen sich die Anleger aber auch gegen Risiken absichern, beispielsweise gegen das Risiko, dass die internationale Klimapolitik doch nicht funktioniert. Es kann für sie rational sein, ihr Portfolio so zu diversifizieren, dass sie auch im Falle einer scheiternden Klimapolitik profitieren. Zum Beispiel mit Anteilen an Saudi Aramco.

ZEIT ONLINE: In dem Börsengang steckt also doch eine Wette gegen das Pariser Abkommen, zumindest bis zu einem gewissen Grad.

Steckel: Wie groß dieser Einfluss ist, lässt sich schwer sagen. Alles in allem scheinen mir aber die Schwierigkeiten von Saudi Aramco wegen des Börsengangs offensichtlicher.

ZEIT ONLINE: Welche Schwierigkeiten gab es noch?

Steckel: Ursprünglich sollte Saudi Aramco international an die Börse gehen, nicht nur in Riad, so wie jetzt geplant. Auch musste der Termin mehrere Male verschoben werden. Das hatte aber wohl eher mit den Anschlägen im September auf zwei saudische Raffinerien zu tun und weniger mit der Klimapolitik. Die größte Schwierigkeit war der Preis. Anfangs war die Rede davon, dass Saudi Aramco zwei Billionen US-Dollar wert sein solle, jetzt wird der potenzielle Marktwert mit 1,6 bis 1,7 Billionen Dollar angegeben. Auch sind anscheinend vor allem private Investoren interessiert, weniger die großen, institutionellen Anleger.

ZEIT ONLINE: Das Pariser Klimaabkommen wird durch den Börsengang dennoch nicht unbedingt glaubwürdiger. Auch viele andere Faktoren deuten darauf hin, dass die Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen die in Paris vereinbarten Ziele nicht erreichen werden.

Steckel: Saudi-Arabien war ohnehin nie als Klimaschützer bekannt. In den internationalen Klimaverhandlungen hat die saudische Delegation immer gebremst – natürlich, denn wirtschaftlich hängt das Land völlig davon ab, auch in Zukunft Öl zu verkaufen. Deshalb wird der Börsengang jetzt auch als Strategie vermarktet, sich vom Öl zu lösen. Die Regierung in Riad sagt, sie wolle das Geld in den Umbau der Wirtschaft stecken. Wenn sie das tatsächlich tut, wäre der Börsengang sogar gut für das Klima. Dann könnte man ihn sogar als Schritt in Richtung mehr Glaubwürdigkeit in der Klimapolitik bewerten.