In Südfrankreich bleiben die Menschen zu Hause, wenn im Herbst eine Regenfront heraufzieht. Sie sagen Geburtstage und Strandspaziergänge ab, parken ihre Autos an möglichst hoch gelegenen Stellen und verfolgen minütlich die Wetterprognosen. Denn hier an den Ausläufern der Alpen fällt der Niederschlag nicht einfach vom Himmel, sondern seine Wassermassen strömen über Bäche sintflutartig in die Küstenstädte, sie ziehen Autos und Bäume über die Straßen, fluten Campingplätze und Hotels und lassen Berghänge und Felsen abrutschen.

In den vergangenen zwei Wochen wurde die Urlaubsregion zwischen der italienischen Grenze und Marseille gleich zweimal von diesem Starkregen ergriffen, sechs Menschen verloren ihr Leben. In Mandelieu bei Cannes fielen innerhalb weniger Stunden 700 Liter Wasser pro Quadratmeter, das entspricht acht vollen Badewannen. Diese Wassermenge schlägt sich hier normalerweise während eines kompletten Jahres nieder.

Wahrscheinlich wird es mehrere Hundert Millionen Euro kosten, die Häuser, Kindergärten, Hotels und Fußballplätze wieder instand zu setzen. Sorgen machen den Bewohnerinnen und Bewohnern inzwischen aber viel mehr die versiegelten Flächen: Nirgendwo sonst in Frankreich wurde so viel betoniert wie an der Côte-d'Azur. Eine Million Menschen leben in Zonen, die auf Karten als Überschwemmungsgebiete eingezeichnet sind. Diese Fehlplanung ist doppelt problematisch: Betroffene Häuser riskieren bei jedem Starkregen vollzulaufen. Und die Fläche fehlt, um das Wasser aufzusaugen. Denn abseits der trockenen und warmen Sommer sind die Niederschläge am Mittelmeer überraschend heftig: Im Herbst und Frühjahr regnet es zwar selten, aber häufig sintflutartig.

"Wir müssen der Natur wieder Fläche zurückgeben"

"Die betonierten Flächen sind unser größtes Problem", sagt Serge Castel, Planungsdirektor bei der Präfektur in Nizza. Sie gibt den Ton an für neue Bauvorhaben in Südfrankreich. Castel trat seinen Job 2015 an, kurz nachdem ein Starkregen einige Campingplätze und Stadtviertel überschwemmte und 20 Menschen ertranken. Castels Job ist es, solche Tragödien künftig zu verhindern. Die Campingplätze hat er geschlossen und inzwischen müssen auch Villen dran glauben: Einige Dutzend Eigentümer, so Castel, sollen langfristig enteignet werden. "Wir müssen der Natur wieder Fläche zurückgeben: In meiner Amtszeit werde ich alle Einkaufszentren an der Küste und Siedlungen im Hinterland verhindern: Wir werden mit dem Klimawandel und den häufigeren Starkregen nur fertig, wenn das Wasser wieder abfließen kann."

Eigentümer enteignen? Häuser abreißen? Noch vor wenigen Jahren war dies undenkbar in Südfrankreich. Hier erzielen Immobilien so hohe Preise wie sonst nur in Paris. Deswegen wurde jeder Quadratmeter Grün bebaut, auch die Hügel über Nizza, Cannes und Antibes sind inzwischen vollständig besiedelt. Früher wurden hier Orangen und Jasmin gezüchtet und die Flächen an den Dutzenden Flüssen aus den Alpen für die Landwirtschaft genutzt. Das Wasser versickerte bis in die Achtzigerjahre problemlos.

Bis der Tourismus das Grün in der Region verschlang. Im sonnigen Süden bauen sich viele Multimillionäre ihr Traumhaus für ein paar Wochen Urlaub im Jahr – und betonieren dann oft weiter ohne Genehmigung, aber dafür mit viel Geld. Erst in diesem Jahr ordneten Richter an, einen Luxusbau in der Parfumstadt Grasse abzureißen und das Gelände wieder in den "ursprünglichen Zustand" zu versetzen. Der Besitzer hatte das 200 Quadratmeter große Haus im Jahr 2000 erstanden und anschließend ohne jede Erlaubnis 3.000 weitere Quadratmeter in dem Pinienwald betoniert: Der Verurteilte baute unzählige Nebengebäude, ein Schwimmbad, einen Hubschrauberlandeplatz und teerte 600 Quadratmeter für eine Straße. Bis ihn seine Nachbarn verklagten, weil sie die dauernden Helikopterflüge vor ihrer Nase vom Schlaf abhielten.