Wegen des Handelskonflikts mit den USA und einer allgemein schwächeren Konjunktur ist Chinas Wirtschaft vergangenes Jahr so langsam gewachsen wie seit 1990 nicht mehr. Nach 6,6 Prozent 2018 legte die zweitgrößte Volkswirtschaft im abgelaufenen Jahr um 6,1 Prozent zu, wie das Pekinger Statistikamt mitteilte. Der Abwärtstrend konnte zum Jahresende gestoppt werden. Wie schon im dritten Quartal verzeichnete Chinas Wirtschaft im Zeitraum von Oktober bis Dezember ein Plus von 6,0 Prozent. Im ersten Quartal waren 6,4 und im zweiten 6,2 Prozent erreicht worden.

Die Stabilisierung der Wachstumsrate zum Jahresende dürfte laut Beobachtern auch mit der Entschärfung des Handelsstreits zwischen Peking und Washington zusammenhängen. US-Präsident Donald Trump und Chinas Präsident Xi Jinping hatten im Oktober eine Einigung über ein Teilabkommen verkündet, das in dieser Woche unterzeichnet wurde. Das Abkommen sieht vor, dass sich beide Seiten nicht mehr mit zusätzlichen Importzöllen überziehen. China hat sich zudem verpflichtet, seine Einfuhren aus den USA deutlich zu erhöhen. 

Dass der Konflikt zwischen der alten Weltmacht und dem Aufsteiger China damit vorüber ist, glauben die meisten Beobachter aber nicht. Die Einigung verhindere vorerst zwar eine rasante Verschlechterung der Beziehungen. "Aber die zunehmende Rivalität zwischen den USA und China ist damit nicht ausgeräumt", sagte Max Zenglein vom China-Institut Merics in Berlin. Sie werde das Verhältnis auch künftig weit über Handelsfragen hinaus prägen. Mit einem schnellen, umfassenderen Folgeabkommen sei deshalb nicht zu rechnen. Unternehmen würden Schritte einleiten, um das politische Risiko in ihren globalen Lieferketten zu verringern. 

"Keine starke Erholung" zu erwarten

Ähnlich äußerte sich Woei Chen Ho, Volkswirt der Bank UOB in Singapur: "Die Stabilisierung der Beziehungen zwischen den USA und China ist positiv, wird aber keine starke Erholung auslösen, da viele der Zölle noch in Kraft sind." 

Auch jenseits der Wirtschaftsbeziehungen mit den USA gibt es Probleme. Eine hohe Verschuldung belastet die Staatsfirmen. Gleichzeitig versucht die Regierung, das Land innovativer und produktiver zu machen. "Die Umstellung auf ein nachhaltigeres Wachstumsmodell und die Bekämpfung der Risiken im Finanzsektor sind dringend notwendig, drücken aber auch das Wirtschaftswachstum", so Experte Zenglein.

Im internationalen Vergleich sind 6,1 Prozent Wachstum zwar weiter viel. Experten verweisen aber darauf, dass China als Schwellenland großen Nachholbedarf habe, den Schwung erhalten und Arbeitsplätze schaffen müsse. Immer wieder wird auch auf den Widerspruch zwischen der wachsenden staatlichen Kontrolle und der Notwendigkeit verwiesen, ein dezentrales und verbrauchergetriebenes Wirtschaftssystem zu schaffen, um nachhaltiges Wachstum zu erreichen.

Stützungsmaßnahmen haben 2019 schon dazu beigetragen, die chinesische Wirtschaft zu stabilisieren. Das wird sich auch 2020 nicht ändern. Schließlich gilt es für Peking, in diesem Jahr ein wichtiges Langzeitziel zu erreichen. Die Wirtschaftsleistung und das Einkommen der Chinesen sollen bis Ende 2020 im Vergleich zu vor zehn Jahren verdoppelt werden. Vor allem steht aber 2021 das 100. Jubiläum der Kommunistischen Partei an, da soll Chinas Stärke zelebriert werden. "Infolgedessen wird die Regierung einer sich verlangsamenden Wirtschaft noch mehr Aufmerksamkeit schenken", glaubt Zenglein.