Ihr Emissionsziel für das Jahr 2020 wird die Bundesregierung wahrscheinlich verfehlen, an ihren längerfristigen Zielen hält sie aber fest: Bis zum Jahr 2030 soll der deutsche Ausstoß von Treibhausgasen um 55 Prozent unter dem Niveau von 1990 liegen, bis zum Jahr 2050 soll er um 80 bis 95 Prozent gesunken sein. Im Idealfall würde die deutsche Wirtschaft dann – ebenso wie die Wirtschaft der gesamten EU – so gut wie emissionsfrei laufen. 

Doch damit das funktioniert, braucht Deutschland genügend Ökostrom – und der könnte in den kommenden Jahren knapp werden, warnen Forscher des Energiewirtschaftlichen Instituts (EWI) der Universität Köln. Zu diesem Ergebnis kommen sie in einer Berechnung für das Handelsblatt, die auch auf der Website des Instituts nachzulesen ist.

In ihrer Analyse orientieren sich die Autoren Max Gierkink und Tobias Sprenger an einem weiteren Klimaziel der Bundesregierung. Es besagt, dass im Jahr 2030 der deutsche Bruttostromverbrauch zu 65 Prozent durch erneuerbare Energien gedeckt werden solle.

Stromverbrauch dürfte steigen

Gierkink und Sprenger gehen davon aus, dass der Stromverbrauch in den kommenden Jahren stark steigen wird. Das begründen sie vor allem mit drei Faktoren, die in der Klimastrategie der Bundesregierung eine wichtige Rolle spielen: Die Zahl der Elektroautos werde steigen, die Bedarf an Wärmepumpen zum klimafreundlichen Heizen ebenso und die Industrie werde mehr grünen – also mit Ökostrom erzeugten – Wasserstoff benötigen, um fossile Energieträger zu ersetzen.

Es gibt unterschiedliche Prognosen darüber, wie groß der deutsche Bruttostromverbrauch im Jahr 2030 sein wird. Die Bundesregierung selbst geht davon aus, dass er sich "geringfügig unterhalb des heutigen Niveaus bewegen dürfte". Die EWI-Autoren kommen hingegen auf eine um etwa ein Viertel höhere Zahl. Und ihre Berechnungen deuten darauf hin, dass der Ausbau von Wind und Strom damit nicht Schritt halten könnte.

Gierkink und Sprenger erwarten deshalb, dass Deutschland das 65-Prozent-Ziel im Jahr 2030 verfehlt. Sie rechnen eher mit einem Anteil von 46 Prozent in diesem Jahr. Damit liegen sie sogar noch über anderen Szenarien, von denen das skeptischste für 2030 nur eine Ökostromquote von 39 Prozent erwarten lässt. Das Ziel der Bundesregierung könne nur erreicht werden, wenn die Stromnachfrage sinke, schreiben die Forscher auf der EWI-Seite im Netz.

Agora Energiewende warnt ebenfalls

Auch die Denkfabrik Agora Energiewende hat am Montag vor einer "Ökostrom-Lücke" gewarnt. Als Grund sehen ihre Experten – neben anderen Faktoren – den Atomausstieg. Branchenangaben zufolge steuerte die Kernenergie im Jahr 2018 noch knapp zwölf Prozent zur deutschen Stromerzeugung bei. Doch Ende 2019 ging das AKW Philippsburg vom Netz, Ende 2022 soll der Ausstieg abgeschlossen sein. 

Weil Strom im Verkehr und in anderen Bereichen zunehmend Mineralöl als Energielieferant ersetzen soll, rechnet Agora Energiewende mit Schwierigkeiten, den künftigen Bedarf aus erneuerbaren Quellen zu decken. Betrachtet man nicht nur den Stromverbrauch, sondern den gesamten Energiemix, haben die erneuerbaren Energien bisher nur einen Anteil von knapp 15 Prozent, und ihr Ausbau stockt. Deshalb könnte es dazu kommen, dass in Zukunft Kohlestrom den Atomstrom teilweise ersetzt – zulasten des Klimas. Agora-Direktor Patrick Graichen fordert die Bundesregierung deshalb auf, die Rahmenbedingungen zu ändern: "Ohne Windkraft werden wir weder den Kohleausstieg noch die Klimaschutzziele erreichen."

Emissionsrekordtief in 2019

Für das vergangene Jahr zogen die Agora-Experten aber noch ein positives Fazit. Im Vergleich zu 1990 seien die CO2-Emissionen 2019 um etwa 35 Prozent gesunken, heißt es in ihrer Jahresauswertung – ein Rekordtief.

Der Rückgang gehe allerdings nur auf die Stromproduktion zurück. Die erneuerbaren Energien hätten einen Rekordanteil von 42,6 Prozent des Bruttostromverbrauchs gedeckt, unter anderem, weil der gestiegene CO2-Preis im EU-Emissionshandel die klimaschädliche Stromgewinnung aus Stein- und Braunkohle weniger rentabel gemacht habe. Im Verkehr seien die Treibhausgasemissionen dagegen sogar gestiegen.

Die bisherige nationale Klimapolitik von Union und SPD hat nach Einschätzung Graichens wenig bis nichts mit dem Fortschritt zu tun: "Das ist ihnen in den Schoß gefallen", sagte er.